100 Jahre Deutsche Minderheit

 

Die deutsche Minderheit in Nordschleswig besteht seit der Volksabstimmung im Jahre 1920 und umfasst heute etwa 12-15.000 Mitglieder, die integrierter Teil der dänischen Gesellschaft sind.

Die Volksgruppe sieht ihre Aufgabe darin, die geschichtlich gewachsene deutsche Identität, deutsche Sprache und Kultur in Nordschleswig zu fördern und ihrerseits zur kulturellen Vielfalt beizutragen. Sie versteht ihre Rolle und die Aufgabe ihrer Einrichtungen außerdem als Brücke zwischen Deutsch und Dänisch.

 

 

Die Auswahlmannschaft der Deutschen Minderheit in Dänemark - Team Nordschleswig - Æ Mannschaft!

Die Auswahlmannschaft der Deutschen Minderheit in Dänemark - Team Nordschleswig - Æ Mannschaft!

 

Die Identität der deutschen Nordschleswiger entspringt der regionalen Verwurzelung in einer Landschaft, die über Jahrhunderte sowohl dem dänischen Einfluss von Norden als auch dem deutschem Einfluss ausgesetzt war.

Im Herzogtum Schleswig trafen sich über Jahrhunderte in besonderer Weise der deutsche Einfluss mit der dänischen Kultur, wobei die kulturelle und sprachliche Hinwendung zur einen oder anderen Seite eine persönliche Entscheidung jedes Einzelnen war. In diesem Sinn hat man Jahrhunderte lang gesamtstaatlich den Nachbarn mit anderer Sprache und Kultur respektiert.

 

Zweimal scheiterten im 19. Jahrhundert Versuche, mit Hilfe staatlicher Zwangspolitik die sprachlich-kulturelle und die damit verbundene nationale Ausrichtung der Bevölkerung in den national anders ausgerichteten Gebieten zu beeinflussen.

Nach der kriegerischen Auseinandersetzung um die Stellung Schleswigs und Holsteins im dänischen Staats­verband 1848-1850 versuchte die dänische Regierung durch Sprachverordnungen in Mittelschleswig das Dänische im Schulunterricht auch bei der deutschgesinnten Bevölkerung zwangsweise zu fördern.

 

Als Dänemark nach dem verlorenen zweiten schleswigschen Krieg von 1864 die umstrittenen Herzogtümer abtreten musste und Schleswig-Holstein preußisch wurde, unternahm diesmal die preußische Seite den Versuch, durch Sprachverordnungen eine Germanisierung der dänisch ­gesinnten Einwohner der nördlichen Hälfte Schleswigs zu erreichen. Dies scheiterte und der dänische Bevölkerungsteil Nordschleswigs blieb bis zum Ersten Weltkrieg zahlenmäßig weitgehend stabil.

Konrad Adenauer und Hans Christian Hansen unterzeichnen die Bonn-Kopenhagener-Erklärungen

Konrad Adenauer und Hans Christian Hansen unterzeichnen die Bonn-Kopenhagener-Erklärungen

Geburtsstunde der deutschen Volksgruppe

 

Am Ende des Ersten Weltkriegs bot sich dem dänischen Bevölkerungsteil Nordschleswigs mit Unterstützung des dänischen Staates die Gelegenheit, eine Volksabstimmung über die zukünftige Zugehörigkeit Schleswigs zu fordern.

Nordschleswig entschied sich am 10. Februar 1920 mit 75% der Stimmen für eine Zugehörigkeit zu Dänemark. In den Gemeinden der zweiten Zone war eine überwiegende Mehrheit für den Verbleib bei Deutschland. Zur neuen Grenze wurde damit die Clausen-Linie, die die erste und zweite Abstimmungszone trennte.

 

Damit wurde Schleswig durch die Anwendung des nationalen Selbstbestimmungsrechts geteilt, und Nordschleswig musste an Dänemark abgetreten werden, während Südschleswig mit Holstein im deutschen Staatenverband blieb.

Es war zugleich die Geburtsstunde der deutschen Volksgruppe in Dänemark, die bei einer insgesamt starken dänischen Mehrheit in Nordschleswig ihre Schwerpunkte in den Städten, vor allem in Tondern, aber auch in Apenrade, Sonderburg und Hadersleben sowie im ländlichen Bereich des südlichen Nordschleswigs heraus­stellen konnte.

 

Die Jahrzehnte nach der Volksabstimmung von 1920 waren auf Seite der deutschen  Minderheit von der Forderung einer Grenzrevision geprägt. Die Forderungen der deutschen Volksgruppe nach einer Grenzrevision führten zur Konfrontation zwischen Deutschen und Dänen, die in den 30er Jahren durch das Aufkommen des Nationalsozialismus („Heim ins Reich“) verschärft wurde.

1938 kam es zur Gleichschaltung aller deutsch-nordschleswigschen Verbände. Eine weitere schwere Belastung erfuhr das Grenzlandklima als Dänemark am 9. April 1940 von deutschen Truppen besetzt wurde.

 

Der Zweite Weltkrieg forderte auch von der deutschen Volksgruppe schwere Opfer. Die enge Verbindung der deutschen Volksgruppe zur Besatzungsmacht und die Kriegsteilnahme von mehr als 2100 Freiwilligen aus den Reihen der Minderheit, von denen 752 nicht zurückkehrten, wurde zu einer starken Belastung in der Nachkriegszeit. Nach Kriegsende 1945 wurden ca. 3.000 Angehörige der deutschen Minderheit in einer Rechtsabrechnung verurteilt.

 

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Das Jahr 1945 brachte aber auch eine grundlegende Neuorientierung der Politik der deutschen Volksgruppe. Man erkannte die Staatsgrenze von 1920 endgültig an und gab eine Loyalitätserklärung gegenüber dem dänischen Staat ab. Die Absage der Grenzverschiebung war ein deutliches Signal an die dänische Seite, dass seitens der deutschen Volksgruppe um Verständnis für ihre geschichtlich-kulturelle Identität und ihre weitere Existenz innerhalb des dänischen Nationalstaates geworben wurde. Es war ein Appell an den Staat, den Mitgliedern der deutschen Volksgruppe eine gleichberechtigte Behandlung zu sichern. Darauf musste die deutsche Volksgruppe noch zehn Jahre warten - bis zu den Bonn-Kopenhagener Erklärungen von 1955.

 

In diesen parallelen Erklärungen Dänemarks und Deutschlands jeweils gegenüber der im eigenen Land lebenden Minderheit werden die staatsbürgerlichen Rechte der Angehörigen der deutschen Minderheit in Dänemark durch die dänische Regierung bzw. die entsprechenden Rechte der dänischen Minderheit in Deutschland durch die Bundesregierung bestätigt. Die Erklärungen gelten als vorbildhaft für den Umgang mit nationalen und sprachlichen Minderheiten in Europa.

 

Wie die Minderheit heutzutage lebt, können Sie im Abschnitt "Die Minderheit heute" nachlesen.

 

 

Ein wichtiger Teil dieses Lebens ist die Toleranz und Vielfalt, welche auch beim Knivsbergfest zum Ausdruck kommt. Auch deswegen feiert die Deutsche Minderheit in Dänemark ihr 100-jähriges Jubiläum im Rahmen des Knivsbergfestes am 20. Juni 2020 auf dem Knivsberg.

 

Hier geht es direkt zur Seite des Knivsbergfestes - www.knivsbergfest.dk

Warum eine Niederlage feiern?

Einige Fragen und Antworten zum Jubiläum

 

Die Volksabstimmung 1920 mit dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges verwandelte den deutschen Bevölkerungsteil in Nordschleswig in eine Minderheit. Folglich wurde das Abstimmungsergebnis auch nicht als “Genforening” bezeichnet, sondern als “Abtretung”, da man ja durch die neue Grenze eine neue Staatsangehörigkeit bekam. Es nähert sich das 100-jährige Jubiläum dieser Ereignisse.


Ist 2020 für den BDN überhaupt Anlass, dieses Jubiläum zu feiern? Wenn ja, warum? Wenn ja, welchen Beitrag – konkret und in übertragenem Sinne – kann die deutsche Volksgruppe in diesem Zusammenhang leisten?


Es stimmt, dass das Abstimmungsergebnis und die Grenzverschiebung 1920 von der Volksgruppe als Niederlage aufgefasst wurde und dass eine Grenzrevision das primäre Ziel nach 1920 war. Das hat sich 1945 mit der Loyalitätserklärung grundlegend geändert. Wir – die deutsche Minderheit – haben damals unter anderem die Grenze von 1920 akzeptiert. Das ist seitdem unangefochtene Grundlage unserer Politik.


2020 ist ein spannendes Jahr mit einer ganzen Reihe von Jubiläen. Wir werden natürlich nicht die „genforening“ feiern, sondern unseren 100. Geburtstag. Dafür haben wir für die kommenden Jahre insgesamt 900.000 Kr. eingeplant. Welche Projekte wir in dem Zusammenhang durchführen steht noch nicht endgültig fest.
Hinzu kommt als absoluter Höhepunkt, der Um- und Anbau des Deutschen Museums für Nordschleswig in Sonderburg. Dafür haben wir bisher konkrete finanzielle Zusagen sowohl von deutscher als auch von dänischer Seite.

Aber es gibt auch Anlass gemeinsam zu feiern, so können wir heute alle stolz darauf sein, dass die Grenze 1920 auf Grundlage einer demokratischen Abstimmung friedlich verschoben wurde.

 

 

Welche Bedeutung hat die deutsche Volksgruppe für die Entwicklung im Grenzland gehabt (welche Rolle spielen Minderheiten überhaupt)?

Wie sieht das Selbstverständnis der Volksgruppe für die kommenden Jahre aus?


Wir haben uns seit 1945 sehr für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit eingesetzt. Viele gute Ideen, die diese Zusammenarbeit befördert haben, stammen aus der Minderheit, auch wenn das nicht immer bekannt ist. Was die Kooperation über die Grenze betrifft, ist allerdings noch Luft nach oben, wir können da noch viel mehr erreichen.


Wir denken, dass gerade die Rolle von Minderheiten als Brückenbauer in vielen Regionen noch nicht ausreichend genutzt wird. Glücklicherweise gilt das Zusammenleben von Minderheiten und Mehrheiten im Grenzland als vorbildlich. Es ist kein Zufall, dass das europäische Minderheitenforschungsinstitut ECMI und unsere europäische Organisation, die FUEN, ihren Sitz in Flensburg haben. Um das zu unterstreichen bemühen wir uns – gemeinsam mit unseren Freunden von der dänischen Minderheit – um die internationale Anerkennung als „UNESCO immaterielles Kulturerbe“.