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Aktuelle Nachrichtenvom Nordschleswiger - der deutschen Tageszeitung in Dänemark |  |
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| Bonn-Erklæringen og de unge. Elevberetninger fra Duborg-Skolen 2005. Udg. af Lars N. Henningsen. Flensborg 2005 (Arkivserien nr. 12 udg. af Studieafdelingen ved Dansk Centralbibliotek for Sydslesvig) Schüler der Duborg-Schule reflektieren die Situation der dänischen Minderheit: „Ghetto“ – ein provozierendes Graffitto unter dem Schriftzug Duborg-Skolen ist auf dem Titel eines lesenswerten Heftes zu sehen, das der Leiter des Archivs der dänischen Minderheit, Lars N. Henningsen herausgegeben hat. Die prominent besetzten Feierlichkeiten aus Anlass des 50. Jahrestages der Bonn-Kopenhagener Erklärungen waren der Ausgangspunkt für die Frage, was der „Mensch auf der Straße“ mit diesen Erklärungen zu tun hat und wie das 1955 formulierte Ziel der Erklärungen, nämlich „das friedliche Zusammenleben der Bevölkerung“ zu fördern, sich in der heutigen Wirklichkeit von Jugendlichen aus der dänischen Minderheit widerspiegelt.
Zwei Klassen des 12. und 13. Jahrgangs der Duborg-Skole, des Gymnasiums der dänischen Minderheit in Flensburg, haben dieses Projekt in Angriff genommen: Das vorliegende Ergebnis gibt jenseits der hochpolitischen Reden einen unmittelbaren Eindruck von deutsch-dänischen Verhältnis und der Situation der dänischen Minderheit im Landesteil Schleswig, wie sie sich 50 Jahre nach der Bonner Erklärung darstellt.
Die Freiheit der Schulwahl steht für die Schüler verständlicherweise im Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Hier zeigt sich, dass in vielen Fällen die Eltern kaum Anknüpfungspunkte zur Minderheit haben und die Kindergarten- bzw. Schulentscheidung als ein Experiment betrachten, bei dem die Zweisprachigkeit hoch bewertet und die pädagogische Atmosphäre, durchaus aber auch die Ausstattung mit Unterrichtsmaterialien, eine Rolle spielt. Für die Schüler machen das „Du“ zu den Lehrern, aber auch eine vorgeblich höhere „soziale Kompetenz“ an den dänischen Schulen und ein gewisser Stolz zweisprachig zu sein und problemlos eine Ausbildung oder ein Studium entweder in Dänemark oder Deutschland aufnehmen zu können, entscheidende Aspekte aus. Außerdem spielt die dänische Ausbildungsförderung (SU – Statens Uddannelsesstøtte) eine wichtige Rolle. Allerdings fühlen sich die Schüler teilweise auch einer Geringschätzung des dänischen Schulsystems durch deutsche Nachbarn ausgesetzt. – Besteht dazu angesichts der Pisa-Studie ein Grund, möchte man fragen!
Auf die Situation innerhalb der dänischen Schulen bezogen kommt in den Beiträgen kritisch das Problem zum Ausdruck, dass deutsche Eltern ihre Kinder auf dänische Schulen schicken, selbst aber eher abseits bleiben. Damit wächst die Zahl der Mitglieder der Minderheit zwar auf dem Papier, aber gleichzeitig wird das deutsche Element größer, als es sich die dänische Minderheit wünscht; sie wird bikulturell. Die in der dänischen Minderheit regelmäßig aufkommenden Sprachdebatten sind dafür ein Zeichen. Ein interessanter Kommentar einer Schülerin dazu lautet: „Hat man sich mit den internen Regeln, Vorschriften und Verhaltensnormen von den Bonn-Kopenhagener Erklärungen entfernt? Bedeuten die Erklärungen zum Teil nicht auch das Recht, die Sprache zu sprechen, der man sich am meisten verbunden fühlt – alles andere wäre doch unnatürlich und einschränkend, wenn nicht sogar unterdrückend?“
Was die Selbstidentifikation der Duborg-Schüler betrifft, so taucht häufiger die Feststellung auf, dass man sich weder als Deutscher noch als Däne bezeichnen würde: „Ich bin eine Art „Mischung“ aus diesen beiden Kulturen“. – Und dass man daraus und aus der Bonner Erklärung das Recht für sich beanspruchen kann, sich innerhalb der Institutionen der Minderheit als Däne, als Deutscher oder als Südschleswiger, der deutsche und dänische Impulse in sich vereint, fühlen zu dürfen. Ob das als Zielvorstellung 1955 beabsichtigt war, stellt eine Schülerin in Frage, es sei aber das Ergebnis! Und dieses Ergebnis kann nach Ansicht eines anderen Schülers zum Ende des Dänentums in einer „deutschgesinnten“ dänischen Minderheit führen. Allein schon an diesem Paradoxon sieht man, wie kompliziert die Frage der Identität der Minderheit ist.
In einem Beitrag führt diese Situation, nämlich dass es zu viele Deutsche in der dänischen Minderheit gibt, zu der Frage, die unter anderem vor 60 Jahren Ausgangspunkt für Spannungen im Grenzland war und die 1955 mit den Bonn-Kopenhagener Erklärungen gelöst werden sollten: Die Schülerin fragt: Verfälschen sie [die Deutschen in der Minderheit] nicht die echte dänische Minderheit?“ – Da taucht sie also plötzlich wieder in einer Argumentation von dänischer Seite auf, die „echte Minderheit“ jenseits des freien Bekenntnisprinzips! Aber die dahinter stehende Frage muss natürlich bedacht werden, die Schülerin fragt: „Wenn die dänische Minderheit schließlich mehr deutsche als dänische Mitglieder zählt, kann man weiterhin überhaupt von einer dänischen Minderheit sprechen?“
Für ein Grenzland, das sich so viel auf die grenzüberschreitenden Chancen zugute hält, ist zweifelsohne der Satz einer Schülerin ernüchternd, die feststellt, dass im Großen und Ganzen Dänen und Deutsche nicht an einander interessiert seien. Diesem Befund scheinen in weiten Teilen auch die Interviews zu entsprechen, die die Schüler auf der Straße gemacht haben, die aber leider nicht im Einzelnen dokumentiert sind: Wirkliche Kenntnis über die Situation der dänischen Minderheit hat der Durchschnitts-Flensburger offenbar nicht. Mit Blick auf das eingangs erwähnte Titelbild mit dem Ghetto-Graffitto lässt sich deshalb sagen, dass die Schüler der Duborg-Schule sich ganz gewiss nicht in einem Ghetto befinden, das geht aus den Beiträgen eindeutig hervor; es ist vielmehr das geringe Interesse der Mehrheitsbevölkerung an der Minderheit, das zu dieser Fehleinschätzung führt.
Die Arbeit an diesem Thema hat die Duborg-Schüler zu überaus interessanten, zu kontroversen und zu selbstbewussten Überlegungen über die Situation der Minderheit und des Minderheitenschulwesens geführt. Darüber hinaus ist die historische Dimension nicht zu kurz gekommen: Die Selbstverständlichkeit, eine dänische Schule besuchen zu können, so stellt eine Schülerin fest, erscheint für sie in einem anderen Licht, wenn man weiß, „dass die Verhältnisse einmal ganz anders waren.“ Sich dieses hin und wieder zu vergegenwärtigen, ist sicher ein guter Ansatz, für eine bewusste Entscheidung für ein Leben in der Minderheit – nicht nur südlich der Grenze. Frank Lubowitz
Tammo Luther, Volkstumspolitik des Deutschen Reiches 1933 – 1938. Die Auslandsdeutschen im Spannungsfeld zwischen Traditionalisten und Nationalisten. (Historische Mitteilungen. Im Auftrag der Ranke-Gesellschaft hrsg. von Jürgen Elvert und Michael Salewski Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges und den Veränderungen auf der europäischen Landkarte wurde für Deutschland die Volkstumspolitik, also eine Politik gegenüber Menschen deutscher Volkszugehörigkeit, die außerhalb der Reichsgrenzen mit einer fremden Staatsangehörigkeit lebten, zu einem zentralen Thema. Gleichzeitig stellte sich damit die Frage, welche Haltung Deutschland jenen Nachbarstaaten, die nunmehr jene Volksdeutschen in ihren Grenzen beherbergten, einnehmen würde. Die Unterstützung auslandsdeutscher Volksgruppen über die Abteilung „Deutschtum im Ausland und kulturelle Angelegenheiten“ des Auswärtigen Amtes, über getarnte staatliche Stellen, z.B. die 1920 gegründete „Deutsche Stiftung“, sowie über private Vereine wie z.B. den VDA, diente dabei, neben der „Fürsorgepflicht“ des Reiches für die volksdeutschen Gruppen, auch der Aufrechterhaltung nationalpolitischer Optionen, vor allem an der Ostgrenze, aber auch – und dies trotz der Locarno-Politik Stresemanns – im Westen sowie im Norden.
Tammo Luther widmet sich in seiner Dissertation der Volkstumspolitik in den ersten fünf Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft und stellt zunächst fest, dass sich im Gegensatz zu den Erwartungen sowohl der nationalsozialistischen Aktivisten als auch der Auslandsdeutschen aus den Gebieten, die nach dem Ersten Weltkrieg abgetreten worden waren, der politische Kurs der Volkstumspolitik kaum spürbar änderte. Zunächst wurde im Herbst 1933 Rudolf Heß, ein Schüler und Freund des Münchner Professors für Geopolitik und akademischer Vordenkers der nationalsozialistischen Lebensraumpolitik Karl Haushofer, zuständig. Er berief als Koordinnationsstelle den so genannten Volkdeutschen Rat unter dem Vorsitz Haushofers und des VDA-Vorsitzenden Hans Steinacher, die, wie Tammo Luther schreibt, eine traditionelle, konservativ-national gefärbte Volkstumspolitik fortführten – und dabei in Konflikt mit aktivistischen Konkurrenten, vor allem der NSDAP A.O. (Auslandsorganisation) gerieten: Ein für die NS-Herrschaft typisches Führungschaos, wobei Luther sich aufgrund fehlender Quellen nicht darauf festlegen kann, ob das Chaos absichtlich geduldet wurde oder als ein weiterer Beweis für die unstrukturierte Arbeitsweise in der Hitler-Diktatur gesehen werden muss.
Der inhaltliche Unterschied zwischen den Traditionalisten und dem völkisch-machtpolitischen Ansatz bestand vor allem darin, dass die traditionellen Verbände für die Unterstützung aller Auslandsdeutschen eintraten, während bei der NSDAP hinter ein taktisches Kalkül dahinter stand, das im Osten und Südosten vor allem expansionistisch geprägt war, in Bezug auf Elsaß-Lothringen und Nordschleswig aus außenpolitischen Gründen auf eine Grenzrevision verzichtete und Südtirol gänzlich Mussolini überließ.
Eine Lösung des Konflikts zwischen traditioneller und nationalsozialistischer Volkstumspolitik sollte eine Ende 1935 geschaffene Zentrale für Volkstumsfragen bei der Dienststelle Ribbentrop unter dem Deutschbalten Otto von Kursell bringen, dem jedoch jegliche Exekutivgewalt fehlte, um gegensätzliche Positionen auf Linie zu bringen. Deshalb währten die Auseinandersetzungen bis zum Jahreswechsel 1936/37 und zur Umbenennung der Zentrale in „Volksdeutschen Mittelstelle“ (VoMi). In der VoMi hatte schließlich die SS mit dem Obergruppenführer Werner Lorenz und dem SD-Mann Hermann Behrends den entscheidenden Einfluss. Dieser Kurswechsel zu einem nationalsozialistischen Aktivismus bedeutete die Übernahme eines Weisungsrechts für die zwar gleichgeschalteten, aber bisher um Einfluss konkurrierenden Organisationen auf diesem Gebiet: Von der NSDAP A.O. bis zum VDA.
Die bedeutete eine Radikalisierung der Volkstumspolitik; für die allermeisten auslandsdeutschen Volksgruppen hieß dies, sich dem Führungsanspruch des VoMi zu unterwerfen und stärker in die expansionistische Machtpolitik Hitler-Deutschlands eingebunden zu sein. Auch für Nordschleswig regelte die VoMi, dass Jens Möllers 1935 gegründete NSDAPN der Hauptansprechpartner der deutschen Dienststellen sei.
In seiner detailreichen Untersuchung, die auf der intensiven Auswertung von Akten des Auswärtigen Amtes, des Bundesarchivs sowie einer großen Zahl von Nachlässen beruht, ist es Tammo Luther gelungen, den im nationalsozialistischen Kompetenzgerangel eigentlich recht undurchsichtigen Entwicklungsprozeß von der Vielzahl traditioneller Träger der Volkstumspolitik hin zur Durchsetzung des Machtanspruchs der von der SS getragenen Volksdeutschen Mittelstelle transparent zu machen. Auch für die Verhältnisse in Nordschleswig, die im Gesamtzusammenhang der Arbeit nur eine untergeordnete Rolle spielen, bildet diese Dissertation einen wichtigen Hintergrund zum Verständnis der reichsdeutschen Einflussnahme auf die Minderheitenführung. Frank Lubowitz
Inge Adriansen: Nationale symboler i Det Danske Rige 1830-2000, Museum Tusculanums Forlag, Kopenhagen 2003; 2 Bände, 480 und 720 Seiten, zahlr. Abb. In zwei gewichtigen Bänden, auf insgesamt 1200 Seiten, beschreibt und analysiert Inge Adriansen die Entstehungs- und die Wirkungsgeschichte der nationalen Symbole des Dänischen Reiches von 1830-2000“, in einer Zeit also, in der sich der absolutistische Gesamtstaat früherer Jahrhunderte zum Nationalstaat entwickelte, und aus den Untertanen die Nation hervorging. Ein wirklich umfassendes Werk, das selbst in größeren Nationen seinesgleichen schwerlich findet, das aber dem dänischen Nationalbewusstsein entspringt. Schließlich hat Dänemark sich – nicht zuletzt durch die nationale Auseinandersetzung im Süden des Gesamtstaates – im Laufe dieser Zeit jene Symbole geschaffen bzw. ältere Symbole entsprechend (um-)gedeutet, um die man sich als Nation versammeln kann. Die Selbstverständlichkeit, mit der das in Dänemark geschieht, erfordert den distanzierten wissenschaftlichen Blick auf diese Symbole, den Inge Adriansen im hohen Grade besitzt.
Auf der theoretische Grundlage des britischen Nationalitätenforscher Anthony D. Smith und der von ihm formulierten grundlegenden Komponenten nationaler Identität stellt Inge Adriansen die symbolischen Ausdrucksformen der nationalen Identität Dänemarks auf zwei Ebenen vor: Band 1 beschreibt die offiziellen Symbole, die ursprünglich der staatlichen Ebene vorbehalten waren, inzwischen aber – die Flagge ist das beste Beispiel dafür – von der Bevölkerung übernommen worden sind. Im ersten Band findet sich auch die Beschreibung der Symbole Islands, der Faröer, Grönlands und Schleswigs. Der 2. Band gilt den inoffiziellen, d.h. nicht staatlich vorgegebenen Symbole, durch die ein Volk zur Nation zusammengeschweißt wird, von Holger Danske bis zur Fußballnationalmannschaft.
Als offizielle Symbole werden das Reichswappen, die Herrscher, die Verfassung, die Flagge, die Nationalhymnen – Dänemark hat mit „Kong Christian stod ved højen mast” und „Der er et yndigt land“ gleich zwei Hymnen von ganz unterschiedlicher Art, eher martialisch die eine, nationalromantisch die andere – sowie Nationalfeiertag und die staatliche Kennzeichen (wie Pass, Geldscheine und Münzen sowie Briefmarken) in einer sehr gründlichen historischen Darstellung von ihrem Herkommen über ihre Entwicklung bis hin zu ihrem Gebrauch und ihrer Funktion als nationale Symbole im heutigen Dänemark untersucht.
Zu den ältesten Symbolen zählt zweifellos das dänische Reichswappen, dessen Geschichte bis ins 12. Jahrhundert zurückreicht und als Staatswappen in der 1972 festgelegten – auf die weibliche Thronfolge Rücksicht nehmende – Form über achthundert Jahre Staat und Herrschaft symbolisiert. Es wurde gleichzeitig mit der Entwicklung des Königs vom absolutistischen Regenten zum Symbol nationaler und staatlicher Kontinuität von der Bevölkerung als Ausdruck ihrer historischen und nationalen Identität in den Kanon der nationalen Symbole übernommen.
Nur wenig jünger als der Ursprung des Reichswappens im Zusammenhang der Reichskonsolidierung unter Waldemar I. ist die Legende vom Danebrog, der 1219 in Estland vom Himmel fiel – tatsächlich hat aber erst Waldemar IV. (Atterdag) die Farben des Hlg. Römischen Reiches deutscher Nation nach Dänemark gebracht. Die ursprünglich ausschließlich dem König und dem Militärs vorbehaltene Flagge bekam am Ende des 18. Jahrhunderts langsam den Charakter einer volkstümlichen Fahne und wurde 1848 in der Auseinandersetzung mit den Herzogtümern Schleswig und Holstein zum nationalen Symbol gegen die blau-weiß-rote Trikolore des „Schleswig-Holsteinischen Aufruhrs“ mit einem fast sakralen Charakter. Der heutige Gebrauch wird von Nicht-Dänen zumeist als charmantes Selbstbewusstsein einer kleinen, friedlichen Nation gedeutet, er kann aber auch als ein darüber hinaus gehendes Nationalstaatsbewußtsein und als bewusster Gegensatz zum europäischen Gedanken interpretiert werden.
Bei den beiden bereits genannten Nationalhymnen kommt den Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts ebenso wie bei der Flagge eine große Bedeutung zu: Der Kampf König Christians gegen die Schweden wurde uminterpretiert, als richte er sich nunmehr gegen die Deutschen. Auch die nationalromantische Huldigung Adam Oehlenschlägers „Der er et yndigt land“ hatte eine politische Implikation: Mit der Anrufung des „gamle Danmark“ war es in preußischer Zeit in Schleswig verboten.
Wie die Symbolik angesichts politischer und gesellschaftlicher Veränderungen durchaus zu einem Problem werden kann, beschreibt Inge Adriansen neben anderen Beispielen anschaulich an dem Konflikt über den Stein von Jellinge auf der ersten Seite des dänischen Reisepasses seit 1997. Kann dieses Denkmal der Reichsgründung mit der ältesten Christusdarstellung Nordeuropas, das zum einen die Christianisierung Dänemark hervorhebt und außerdem als Symbol der dänischen Staatskirche Verwendung findet, den muslimischen, jüdischen, freidenkerischen u.a. Dänen gerecht werden?
Zwar sind Symbole Ausdruck des Wir-Gefühls einer Nation, doch gilt es, die nationalen Mythen auf ihren inhaltlichen Bestand in einer sich verändernden Gegenwart zu überprüfen. In der Frage des christlichen Symbols im Reisepass und an vielen anderen Stellen des Werkes zeigt sich, wie wichtig es ist, dass die Autorin bis in aktuelle Leserbriefdebatten hinein nach dem aktuellen Sinn der nationalen Symbolik fragt.
Inge Adriansen beschreibt in ihrem Werk nicht nur auf die Symbolik des Königreiches, sondern auch die der von der Gesamtmonarchie seit 1830 getrennten bzw. staatlich selbständig oder mit einer gewissen Selbstverwaltung ausgestatteten Gebiete: Schleswig, Island, die Färöer und Grönland.
In Schleswig stand die patriotische Verbundenheit zum dänischen Gesamtstaat seit den 1830er Jahren einer schleswig-holsteinischen Bewegung gegenüber, die sich über die Sprache und Kultur der deutschen Nationalbewegung näher fühlte und sich ihre Symbole ebenfalls in Wappen, Flagge, Lied und der „Doppeleiche“ schuf.
Neben diesen offiziellen und gleichsam offensichtlichen Symbolen, denen der erste Band gewidmet ist, untersucht Inge Adriansen im zweiten Band die Rolle von Sprache und Gesang, die Bedeutung von Mythen und Helden Geschichte und Gemeinschaftserlebnissen, aber auch die Rolle der Landschaft, „nationaler“ Pflanzen (Buchen und Margeriten), „nationale“ Tiere (Lerchen und Schwäne) in Bezug auf die Entstehung und Entwicklung des dänischen Gemeinschaftsgefühl, also der Verbundenheit von Volk, Nation und Staat.
Eine wichtige identitätsstiftende Rolle kommt zweifellos der Sprache zu; wobei das Dänische mit der Gründung der „Kongelige Danske Selskab til Fædrelandets Histories og Sprogs Forbedring” 1745 gegenüber der bis dahin bestehenden deutschsprachigen Dominanz seinen Aufstieg begann. In der Auseinandersetzung um Schleswig wurde die Sprache dann in der Ständeversammlung vom nationalen Argument zum politischen Kampfmittel.
Allerdings ist der sprachliche Aspekt im schleswigschen Grenzland nicht alleine ausschlaggebend, Inge Adriansen stellt für die Zeit der dänischen Sprachreskipte nach 1850 fest, dass die schleswigsche Bevölkerung zweisprachig war und der darüber hinaus von einem Teil der Bevölkerung benutzte dänische Dialekt, das „Sønderjysk”, neutral in nationaler Hinsicht war. Ein tagtäglicher umgangssprachlicher Gebrauch des Dänischen bzw. des „Sønderjysk” in Nordschleswig – aber ebenso des Deutschen, Niederdeutschen oder Friesischen in Südschleswig – steht auch heute dem modernen Verständnis einer Gesinnungsminderheit, wie es die Minderheiten im deutsch-dänischen Grenzland sind, bei der Wahrung ihrer kulturellen Identität nicht im Wege.
Das bemerkenswerte dänische Geschichtsbewusstsein – beginnend bei mythischen (Odin und Thor) und sagenhaften (Uffe, Skjold und Holger Danske) Gestalten über vorhistorische Denkmale, mittelalterliche Relikte bis hin zu Personen und Stätten der jüngeren und jüngsten Vergangenheit – beruht im Bereich der Vermittlung unter anderem auf der bemerkenswerten Verbindung von wissenschaftlicher bzw. literarischer Anschaulichkeit und Volkstümlichkeit. Sichtbar wird die Kontinuität z.B. in den Geschichtszentren von Jelling und auf Düppel, die jeweils einen Eckpunkt der nationalen Identität konstruieren. Ein abschließendes Ergebnis von Inge Adriansens detaillierter Untersuchung zu nationalen Symbolen lautet, dass die Lebensfähigkeit einer Gemeinschaft auf einem vielfältig zusammengesetzten Identitätsbegriff und einer nationalen Symbolik beruht. Verfassungspatriotismus und Menschenrechte als Fundament des Staatsgebäudes reichen, so sehr man es sich auch wünschen möchte, alleine nicht aus, es müssen weitere Elemente, ein ethnischer Kern, wirtschaftliches Wohlergehens und äußere Sicherheit hinzutreten, vor allem gehört aber ein allgemein anerkannter Bestand von nationalhistorischen Symbolen und gemeinschaftsbildenden Mythen, die das Zusammengehörigkeitsgefühl prägen, zu den Grundelementen einer Nation.
Auf der Basis einer gründlichen theoretischen Darlegung der Begriffe „nationale Identität“, „Nationsbildung“, „Nationale Symbole“ gelangt Inge Adriansen zu einer klaren Gliederung ihres Themas, zu einer sorgfältigen Dokumentation und allenthalben zu einer ausgewogenen Beurteilung. Ein ausführliches Register lässt den Leser trotz des Umfangs mühelos jedes gesuchte Thema auffinden. Frank Lubowitz
Axel Johnsen, Dannevirkemænd og Ejderfolk. Den grænsepolitiske opposition i Danmark 1920-1940. Udg. Af Studieafdelingen ved Dansk Centralbibliotek for Sydslesvig. Nr. 49, Flensborg 2005, 570 S., zahlr. Abb. Die 1920 in einer Volksabstimmung festgelegte deutsch-dänische Grenze hat in den letzten 85 Jahren politische Wechselfälle und den Zweiten Weltkrieg überdauert. Gemeinhin werden die Grenzrevisionsforderungen der deutschen Seite in den Jahrzehnten nach 1920 und die im Landesteil Schleswig nach 1945 erhobene Forderung eines Anschlusses an Dänemark als Beispiele dafür genannt, dass diese Grenze überdauert hat, obwohl auch sie zeitweise von der einen, dann von der anderen Seite in Frage gestellt wurde. Allgemein kommt dabei der dänischen Seite, nicht zuletzt durch den klaren Satz von Staatsminister Buhl im Jahre 1945 „grænsen ligger fast“, die Rolle zu, eine maßvolle Politik betrieben zu haben. Axel Johnsen hat in seiner umfang- und detailreichen Untersuchung dieser politischen Hauptlinie die Bestrebungen einer „grenzpolitischen Opposition“ in den Jahren 1920 – 1940 gegenübergestellt.
Mit der Volksabstimmung in der Zweiten Zone 1920 waren zuvor gehegten weitergehenden Pläne, Dänemarks Grenze über die Clausen-Linie hinaus bis an das symbolträchtige Dannewerk oder gar bis zur Eider, der historischen Grenze des Herzogtums Schleswig, voranzutreiben, längst nicht bei allen Politikern verschwunden. Deren konkrete nationalpolitische Arbeit fand vor allem im südlichen Teil Südschleswigs, in der dritten Abstimmungszone, statt, für die die dänische Regierung bereits 1919 erklärt hatte, auf eine Abstimmung zu verzichten. Nach dem Selbstverständnis dieser dänischen Grenzaktivisten galt es, die über jahrhunderte erfolgte Eindeutschung einer eigentlich dänischen Bevölkerung rückgängig zu machen. Die Gründung von „Slesvighus“ 1922 in Schleswig durch Jutta Skrumsager Madsen sollte denn auch der – nach dänischer Ansicht – durch die Eindeutschung hervorgerufenen geistigen Verarmung entgegenwirken und den dänischen Südschleswigern die „richtige sprachliche, kulturelle und moralische Medizin“ (S. 124) verabreichen. Die Frage inwieweit die kulturelle Arbeit und Grenzrevisionspolitik vermischt wurden, war in Dänemark Gegenstand heftiger Debatten; bei denen das dänische Außenministerium ein positives und eindeutiges Bekenntnis zur Grenze von 1920 forderte.
Die hier beschriebene, auf das Dannewerk bzw. sogar auf die Eider gerichtete, Bewegung ist in diesem Umfang noch nicht untersucht worden. Wie das Buch von Axel Johnsen zeigt, war selbst die seinerzeit viel diskutierte und von deutscher Seite heftig bekämpfte Publikation „Dansk Grænselære“ (1936) von Claus Eskildsen (S. 386ff.) nur die Spitze des Eisberges. Teile der Mitgliederschaft des dänischen Grenzvereins (grænseforeningen) und die Slesvig-Liga (bis 1935 Liga D.D.D. – Danmark-Dannebrog-Dannevirke) sowie eine ganze Reihe von Aktivisten, die mit finanziellen Mitteln oder publizistisch in Südschleswig wirkten und gleichzeitig auf die öffentliche Meinung in Dänemark einwirkten, werden hier vorgestellt und miteinander in Beziehung gesetzt.
Im Bereich der persönlichen Auseinandersetzungen – von denen es viele gab – ist besonders das Kapitel interessant, in dem es den Grenzaktivisten darum ging, eine Verleihung des Friedensnobelpreises an den ihnen so verhassten H.P. Hanssen, den sie für die Grenzziehung von 1920 verantwortlich machten, zu verhindern (S. 298ff.).
Deutsche Forderungen nach einer Grenzrevision, wie sie seit dem Machtantritt der Nationalsozialisten – vor allem im „Ostersturm“ 1933 – vorgetragen wurden, gaben der Dannewerk- und Eiderbewegung die Möglichkeit zu einer vollen Entfaltung ihrer Forderungen, die nun auch verstärkte Zustimmung in Dänemark fand (S. 371ff.) Axel Johnsen schreibt dazu, die Spielregeln waren durch die schleswig-holsteinischen Grenzrevisionsforderungen aufgehoben und die eiderdänische Gegenforderung damit „stubenrein“ geworden. Mancher dänische „Vorposten“ in Südschleswig, z.B. die Schulgründung 1930 in Schleswig und 1935 in Tönning, sowie die von Eskildsen ideologisch begründete eiderdänische Zielrichtung, sollte sich als strategisch bedeutungsvoll in der Zeit nach 1945 erweisen. Auch wenn das Ziel der Dannewerk- und Eiderbewegung weder im Untersuchungszeitraum 1920 – 1940 erreicht wurde noch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht durchzusetzen war, hat diese Bewegung, wie Axel Johnsen feststellt, langfristig auf die dänische Haltung gegenüber Südschleswig eingewirkt und dazu beigetragen, das dänische nationale Bewusstsein zu prägen. Frank Lubowitz
Sandbjerg. Mellem sø og sund. Strejftog i historie, kultur og natur. Red. af Søren Rasmussen. (I 50året for Ellen Dahls overdragelse af Sandbjerg Gods til Aarhus Universitet) Aarhus Universitetsforlag 2004, 415 Seiten, zahlr. Ill. So bedankt man sich angemessen für eine Stiftung, die nunmehr 50 Jahre zurückliegt. Eine Stiftung, die der Zeit entsprechend durchaus einer nationalen Zielrichtung mit Blick nach Süden entsprach, und die einer Universität übergeben wurde, weil die Stifter in den Universitäten etwas Beständiges, Unvergängliches sahen, das unabhängig von Regierungsformen und Systemwechseln eine Kontinuität darstellt. Die Universität Aarhus verfügt seitdem in Nordschleswig über ein bemerkenswertes, dazu landschaftliche reizvoll gelegenes Tagungs- und Konferenzzentrum. Das ehemalige Gut Sandbjerg mit seinem Rokoko-Herrenhaus im Mittelpunkt liegt direkt am Alsensund im Sundewitt, nahe Sonderburg und Düppel. Ein schön gestaltetes und reich bebildertes Buch von Søren Rasmussen, als ehemaliger Geologie-Dozent der Universität selbst häufig Nutzer und seit 1997 Administrator der Tagungsstätte, versteht sich als ein Streifzug durch die Geschichte, Kultur und Natur dieses Ortes. Dafür hat er kompetente Autoren gefunden, die überwiegende Mehrheit der Beiträge aber hat der Herausgeber selbst verfasst.
Das Gut entstand unter dem Sonderburger Herzog Hans d. Jüngeren kurz nach 1570 und gehörte über den längsten Zeitraum seines Bestehens dem in dänischen Dienst stehenden Zweig der Reventlows, die es 1673 von der dänischen Krone erwarben. 1930 wurde es an die Familie des Juristen Knud Dahl verkauft, von dessen Witwe es dann der Universität übergeben wurde.
Carsten Porskrog Rasmussen beschreibt die Entstehung des Gutes und erläutert gründlich seine Umwandlung in eine Grafschaft 1685, ein Vorgang, der in der dänischen Monarchie insgesamt nur in neun oder zehn Fällen erfolgte und nur den bedeutendsten Persönlichkeiten zugestanden wurde. Porskrog Rasmussen folgt dann der weiteren Besitzerweiterung der Reventlows im 17. und 18. Jahrhundert, und kommt schließlich zu Conrad Georg Reventlow, der in einem späteren Kapitel noch dargestellt wird. Ausführlich stellt er die wirtschaftlichen Grundlagen und die Wirtschaftsweise zwischen Gutsbetrieb und bäuerlichen Abgaben in Geld und Naturalien dar. Früh, nämlich 1787-88, wurde die Agrarreform auf Sandbjerg durchgeführt, bei der bis auf geringe Reste auch das Hoffeld parzelliert wurde. Die Einkünfte waren danach im Wesentlichen Geldeinkünfte und den Gutsherren blieb vor allem die Wahrnehmung obrigkeitlicher Aufgaben. Die Ablösung der Reallasten und das Ende der obrigkeitlichen Stellung erfolgten dann in preußischer Zeit. Mit nur 132 ha Land war Sandbjerg schließlich nur noch ein großer Bauernhof mit einem überdimensionierten historischen Palais: eine Bürde für die Besitzer.
Das zweistöckige Palais mit elf Achsen von C.A. Bohlsmann, fertiggestellt 1788, und seine historische Inneneinrichtung sowie den Park und die Gutsgebäude beschreibt die Kunsthistorikerin Mette Smed. Interessant ist dabei die Lage des kurz vor dem Palais errichteten Pächterhauses, das einmal durch seine Fassade zum Wirtschaftshof diesen dominiert und mit seiner anderen Seite das Seitegebäude des Palais bildet und sich diesem unterordnet. In der längsten Zeit seines Bestehens wurde das Haupthaus nur für wenige Wochen bewohnt, entsprechend war der bauliche Zustand, als die Universität Aarhus 1954 den Besitz übernahm. Mette Smed kann in ihrem Beitrag ein unfassend renoviertes Baudenkmal vorstellen, das in Nordschleswig seinesgleichen sucht.
Alltag und Gästebewirtung werden von Inge Adriansen in einem interessanten Kapitel beschrieben, das auf dem 153 Seiten umfassenden handgeschriebenen Kochbuch von Catharina Glashoff aus dem Jahr 1840 beruht: 442 Koch-, Back- und Getränkerezepte samt Menüvorschlägen. Das sechs- bis achtgängige Menü der Herrschaft umfasste häufig Austern, immer zwei, manchmal auch drei Fleisch- bzw. Geflügelgerichte sowie Gebäck, Eis oder Dessert. Immerhin stand aber auch beim Dienstpersonal verhältnismäßig häufig Fleisch, viermal in der Woche, und einmal Fisch auf dem Tisch. Eine Suppe vom Feldhasen, Überbackenen Hecht, Boeuf á la mode, Hühnerpastete, Zitronentorte oder einen Bischofspunsch kann man mit Inge Adriansens Hilfe aus den Rezepten für die Herrschaft nachkochen. Aber Vorsicht, in Catharinas Glashoffs Kochrezepten wird mit den Zutaten nicht gekleckert, sondern geklotzt.
Die Mehrzahl der Beiträge hat der Herausgeber Søren Rasmussen selbst verfasst. So etwa den umfangreichen Beitrag über Conrad Georg Reventlow, den einzigen Besitzer, der dauerhaft auf Sandbjerg lebte und unter dem das Gutshaus, das Palais, errichtet wurde. Seiner wird auf dem Friedhof von Düppel mit einem Gedenkstein an der Stelle des ehemaligen Grabsteines gedacht.
Die Verwaltungsaufgaben der Reventlowschen Grafschaft, Polizeiwesen, untere Gerichtsbarkeit, Armenfürsorge usw. oblagen den Gutsinspektoren, das beschreibt Rasmussen ebenso wie Fragen des Kirchenpatronats in jeweils eigenen Kapiteln.
Als eigenständige Beiträge enthält das Buch auch weitere Darstellungen zur wirtschaftlichen Entwicklung – sowohl in Zusammenhang mit der Verpachtung des Gutsbetriebs als auch mit der Einrichtung einer Brantweinbrennerei am Ende des 18. Jahrhunderts. Es wurde viel Schnaps in den Herzogtümern gebrannt, da hier, anders als im Königreich, keine Abgaben auf den Kornbrand gab und die Schmuggelwege ins Königreich, auch von Sandbjerg aus, kurz waren.
Einen breiten Raum nimmt außerdem der Mühlenbetrieb und im Zusammenhang damit die schon zu Hans d. Jüngeren beginnenden wasserbaulichen Maßnahmen ein. Beeindruckend ist dabei ein 400 m langer Kanal, der Herzog Hans Kanal, der teilweise bis zu 13 m tief ins Gelände einschnitt, um dem Mühlenteich bei Sandbjerg Wasser zuzuführen sowie andere, in den Überresten auch heute noch beeindruckende Uferbefestigungen und Dammanlagen. Ein weiteres Kapitel widmet sich dem Mühlenteich in seiner Nutzung als Fischereigewässer sowie in seiner Eigenschaft als Konfliktpotential im Streit um die Höhe des Wasserstandes.
Die geologischen Verhältnisse in der Gegend um Sandberg sowie im südöstlichen Nordschleswig beschreibt Kaj Raunsgaard Petersen, die Flora der näheren Umgebung Hans-Henrik Schierup sowie die Forsten Erik B. Nielsen. Diese Beiträge stehen zusammen mit den Kindheitserinnerungen von Hans Fink aus dem Sommer 1955, sein Vater, der bedeutende dänische Historiker Troels Fink war der erste Administrator von Sandbjerg nach der Übergabe des Gutes an die Universität Aarhus, am Ende des Buches.
Das Buch stellt ein Kompendium von verhältnismäßig selbständigen Beiträgen dar, bei denen es auch zu Überschneidungen kommt. Einem Streifzug durch Geschichte, Kultur und Natur entsprechend kann man die Beiträge demzufolge nach Lust und Laune hintereinander oder ausgewählt lesen. Die Sprache und die Präsentation mit vielen Bildern wenden sich an ein breites Publikum, was dem hohen Anspruch des Buches keinerlei Abbruch tut. Wer mit dem Buch wissenschaftlich weiterarbeiten will, kann das dank der jeweiligen Literatur- und Quellenangaben, auch wenn auf einen Anmerkungsapparat verzichtet worden ist. Frank Lubowitz
Bent Vedsted Rønne: Mellem to fronter. Arbejderbevægelsens historie i Haderslev 1873-1940 – Studier i Haderslevs historie 1 – Haderslev Byhistoriske Arkiv, Haderslev 2005, 319 S., DKK 298.-, Der vorliegende 1. Band einer neuen Reihe zur Geschichte Haderslebens, die vom Stadtarchiv herausgegeben wird, ist von dem Leiter dieses Archivs, Bent V. Rønne, erarbeitet worden. Rønne stammt von Lolland, steht also außerhalb der historischen Gegebenheiten Nordschleswigs, womit vor allem der nationale Gegensatz gemeint ist. Er hat sich aber in diesen eingearbeitet ohne sich zu einer Seitenwahl zwingen zu lassen, sondern sieht ihn als eine historische Tatsache, die zu berücksichtigen ist, aber nicht die Untersuchung dominieren muss. Rønne hat sich früher mit der Geschichte der Arbeiterbewegung befasst und bringt daher ein Vorauswissen mit sich, von dem diese Arbeit profitiert hat.
Die zwei Fronten, die im Titel angesprochen werden, beziehen sich einmal auf die Geschichte der Stadt im nördlichen Schleswig, das von Dänemark und Deutschland umkämpft war, und zum anderen auch und besonders auf die Stellung der Arbeiterbewegung als einer internationalen bzw. internationalistischen Bewegung der Arbeiterklasse im Gegensatz zum gleichfalls internationalen Kapital. Nicht dass das internationale Kapital direkt angesprochen wird, aber ganz gewiss der Gegensatz zur Haderslebener Bourgeoisie und in konkreten Fällen auch zu kleinen Ausläufern der internationalen, wie etwa in der Frage eines Boykotts der Zweigstelle der Flensburger Firma Holm & Molzen in den 1930ern. Darüber hinaus stand die Arbeiterbewegung der Stadt zwischen den Fronten der tendenziell auf der Mitbestimmung der Mitglieder aufgebauten SPD und der sehr zentralistisch organisierten dänischen Partei. Rønne baut auf älteren Forschungen auf, er nennt im Vorwort Th. O. Achelis und H. Fangel, d.h. er berücksichtigt deren Analysen soweit sie für sein Thema relevant sind. Vor allem aber hat er die Bestände des Stadtarchivs erschlossen und für seine Untersuchung fruchtbar angewendet. Dadurch konnte die Entstehung der Arbeiterbewegung in der Kleinstadt in einem Umfang belegt werden, der bisher nicht bekannt war. Gleichzeitig wird damit deutlicher, dass die Unterdrückung der Arbeiterbewegung durch das Sozialistengesetz (1878-1890) wohl die Bewegung illegalisierte, sie aber nur kurzfristig der Auflösung nahe brachte. Immer wieder entstanden neue Vereine der einen oder anderen Art mit einem neuen Namen, immer wieder tauchten neben den schon bekannten Vertretern neue Personen auf, die die Bewegung weiterführten. Wenn dies schon in einer kleinen Stadt mit nur geringer Industrie möglich war, mit einer Arbeiterklasse, die ohne nationalistisch zu sein, erhebliche sprachliche Widersprüche überwinden musste um einheitlich handeln zu können, wie viel weniger hat das Sozialistengesetz in größeren Städten auf Dauer eine Wirkung gehabt? Gewiss wurde die sozialistische Arbeiterbewegung behindert und in ihrer Entwicklung gestört, im Endeffekt trugen ihre Wahlerfolge jedoch wesentlich zum Sturz Bismarcks 1890 bei.
Rønne behandelt in seiner Analyse vor allem die Organisationsgeschichte der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, für die Sozialgeschichte der Zeit verweist er generell auf Fangels Darstellung. Er untersucht jedoch die gesamte Breite der Arbeiterbewegung vor und nach 1920: die Partei, die einzelnen Gewerkschaften, Konsumgenossenschaften, Arbeiterfrauen, Arbeiterjugend, Arbeitersport, die kulturellen und Bildungsbemühungen der Bewegung, die Presse, die Rechtshilfe und widmet auch der Schriftstellerin Anna Mosegaard ein kurzes Kapitel. Die Aktivitäten Anna Mosegaards werden auch in anderen Zusammenhängen über etwa 20 Jahre bis 1927 verfolgt, auch hier wurden neue Tatsachen dem bisher Bekannten hinzugefügt.
Mosegaards kulturelle Heimat war in der deutschsprachigen Bevölkerung, ihre politische jedoch in der Sozialdemokratie – dies wurde erst nach 1933 zu einem Widerspruch, der zu einem Bruch zwischen offensichtlich vielen deutschsprachigen Arbeitern und der nazifizierten Nordschleswigschen Zeitung und im weiteren Verlauf der deutschen Volksgruppe insgesamt führte. Dabei hatte die Sozialdemokratie, wie Rønne mehrmals konkret aufzeigt, schon in der Vorkriegszeit, aber insbesondere in den Jahren nach dem Übergang zu Dänemark, sich internationalistisch vorbildlich mit ihren deutschsprachigen Mitgliedern solidarisiert, wie diese sich umgekehrt in ihrer großen Mehrheit mit der Partei politisch solidarisierten.
Ansonsten war die Haderslebener Sozialdemokratie in den ersten 10-15 Jahren nach 1920 auf dem linken Flügel der dänischen Partei angesiedelt, u.a. weigerte sich der Landstingsabgeordnete Jørgen Møller an Empfängen des Königs teil zu nehmen. Er blieb seiner republikanischen Einstellung treu. Die vergleichsweise starken linkssozialistischen/kommunistischen Organisationen in Hadersleben, deren Entwicklung Rønne sehr konzentriert nachvollzieht, haben ihren Ursprung wohl u.a. in der politischen Sozialisierung der alten SPD.
Insgesamt liegt hier eine vorbildliche Analyse der lokalen Bewegung eingebunden in die jeweilige Nationalgeschichte vor. Es gibt ausgezeichnete lokalhistorische Darstellungen der dänischen Arbeiterbewegung, diese hebt sich aber über die vorliegenden, und es ist zu hoffen, dass sie weitergeführt werden kann. Die vielen Illustrationen ergänzen den Text, Quellen- und Literaturverzeichnis wie auch ein Register schließen den Band ab. Es ist erwähnenswert, dass Rønne in Anmerkungen eine Reihe relevanter biographischer Informationen mitteilt. Gerd Callesen
Hans Schultz Hansen: Hjemmetyskheden i Nordslesvig 1840-1867 – den slesvig-holstenske bevægelse. Bd. 1: 1840-1850 und Bd. 11: 1850-1867. Skrifter udgivet af Historisk Samfund for Sonderjylland Nr. 93, Aabenraa 2005. 375 Kr. (für Mitglieder der Heimatkundl Hans Schultz Hansen ist wohl der beste Kenner der schleswigschen und der schleswig-holsteinischen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Sein umfangreicher Artikel „Demokratie und Nationalismus – Politische Geschichte Schleswig-Holsteins 1830-1918“ in der von Ulrich Lange herausgegebenen Geschichte Schleswig-Holsteins kann als der gründlichste Überblick gelten, dem sowohl deutsche als auch dänische Historiker uneingeschränkt zustimmen – das war in früheren Jahrzehnten einer „doppelten Geschichtsschreibung“ anders.
Deshalb kann man auch seine jüngste Arbeit, die mit Anmerkungen, Literaturverzeichnis und Register mehr als 1000 Seiten in zwei Bänden umfasst, als Standardwerk zur Entstehung der schleswig-holsteinisch-deutschen Bewegung in Nordschleswig ansehen. Er knüpft dabei thematisch übrigens an seine Arbeit über „Danskheden in Sydslesvig 1840 – 1918“ von 1990 an, die ja zeitlich den gleichen Ausgangspunkt hat.
Der jüngst verstorbene Kieler Landeshistoriker Erich Hoffmann hat häufig betont, dass die schleswig-holsteinische Geschichte nie besonders regional verlaufen, sondern stets im europäischen Kontext zu sehen sei, deshalb richtet auch Schultz Hansen seinen Blick zunächst auf das europäische Umfeld, denn gerade die politische und nationale Entwicklung des Herzogtums Schleswig fand nicht in einem regional begrenzten Raum statt, sondern war in hohem Grad Teil eines umfassenden historischen Prozesses, so wie sie auch Gegenstand der europäischer Politik wurde. Für den nördlichen Teil des Herzogtums – für Nordschleswig – waren beim Erwachen des nationalen Bewusstseins die „Hjemmetysker“ – „Heimdeutschen“ von besonderer Bedeutung, dies sowohl für die schleswig-holsteinische Bewegung dessen nördlicher Vorposten sie war, als auch für die nationaldänische Bewegung, zu der sie im Gegensatz stand. Beide Bewegungen standen politisch wesentlich im liberalen und demokratischen Lager. Die Bezeichnung „heimdeutsch“ findet Schultz Hansen erstmals 1848 in der Zeitung „Dannevirke“ – sie steht für einheimisch und deutschgesinnt im Gegensatz zu Zuzüglern aus dem Süden. Wobei der tägliche Gebrauch der deutschen Sprache im Hintergrund stand, vielmehr war eine heimdeutsche Sprachpolitik eher defensiv: Sie wandte sich um 1838/40 gegen die Einführung dänischer Gerichts- und Verwaltungssprache und nach 1850 gegen die Sprachreskripte zur Schul- und Kirchensprache.
Das Heimdeutschtum in Nordschleswig gründete sich auf das schleswig-holsteinische Bewusstsein, das zunächst als akademische Betonung der rechtlich auf das Privileg von Ripen zurückgeführten Zusammengehörigkeit von Schleswig und Holstein begonnen hatte. Katalysator der folgenden Entwicklung sollten seit den dreißiger Jahren die beratenden Ständeversammlungen in Itzehoe für Holstein und in der Stadt Schleswig für das Herzogtum Schleswig werden. Der Streit um den Gebrauch des Dänischen in der Ständeversammlung 1842 und vier Jahre später der „Offene Brief“ Christians VIII. über die staats- und erbrechtliche Stellung der Herzogtümer ließ in den vierziger Jahren eine breite politische Bewegung entstehen, die schließlich eine Loslösung vom dänischen Gesamtstaat und die Beteiligung an der deutschen Einheits- und Freiheitsbewegung – als ein eigenständiger schleswig-holsteinischer Staat – anstrebte. Die Gründung von patriotischen geselligen Vereinen und von Chören oder „Liedertafeln“ und die Ausrichtung von gemeinschaftsbildenden Volks- und Sängerfesten wie die Verbreitung von Symbolen wie Fahnen, Wappen, Liedern und eine aktive Presse förderten die Entwicklung und gaben ihr auch dort Rückhalt, wo die schleswig-holsteinische Bewegung zahlenmäßig schwach war, wie z.B. in Nordschleswig.
Gründlich beleuchtet Hans Schultz Hansen die soziale Schichtung und die geografischen Schwerpunkte der heimdeutschen Nordschleswiger. Als Ergebnis betont er, dass Arbeiter unterrepräsentiert waren, während Schiffsreeder, Kaufleute, Fabrikanten, Gastwirte, Handwerksmeister und Beamte das tragende Element der schleswig-holsteinischen Bewegung in Nordschleswig bildeten. Ihr Schwerpunkt lag im Südwesten in und um Tondern sowie an der Ostküste in den Städten Apenrade und Hadersleben, auch wirtschaftlich weniger bedeutende Flecken wie Lügumkloster und Augustenburg wiesen schleswig-holsteinisch-deutsches Engagement auf, wie der Autor anhand der der Adressen an verschiedene politische Gremien zeigt. Er unterscheidet dabei zwischen diesen eher städtischen liberalen Strömungen und einer Strömung, die sich auf dem Land eher konservativ, defensiv gegen die Einführung von dänischer Verwaltungssprache – also für die Bewahrung einer schleswigschen Sonderidentität – einsetzte.
Der Verlauf und das Ergebnis der „Schleswig-Holsteinischen Erhebung“ oder des Bürgerkriegs im dänischen Gesamtstaat brachte die heimdeutsch Gesinnten in schwierige Lage, die sie nicht selten zum Verlassen der Heimat zwang. Zwar wurde den meisten Rückkehrwilligen Amnestie gewährt, das galt aber nicht für die herausgehobenen Persönlichkeiten des „Aufstandes“, wie z.B. der Augustenburgischen Herzogsfamilie.
Das im Vorfeld von 1848 so aktive bürgerliche Vereins- und Versammlungswesen brach in den fünfziger Jahren zwar nicht zusammen, war aber unter den Bedingungen der dänischen Politik in dieser Zeit deutlich geschwächt. Allerdings boten die dänischen Eingriffe in die sprachlichen Traditionen Nordschleswigs in Kirche und Schule immer wieder den Anlass zu Protesten. Somit war die Sprachenfrage – wie zuvor auf dänischer Seite 1838/40 und beim Vorstoß Hiort Lorenzens in der Ständeversammlung 1842 – ein Mittel, den heimdeutschen Zusammenhalt aufrechtzuerhalten und das nationale Bewusstsein zwischen schleswig-holsteinisch-deutsch einerseits und dänisch andererseits herauszustellen.
Erneut wurde die Situation durch die dänischen Verfassungsbestrebungen 1863 verschärft und erneut waren es die Forderungen nach einem ungeteilten und mit Holstein verbundenen sowie von Dänemark getrennten Schleswig unter augustenburgischer Herrschaft, die mit großem publizistischem Aufwand vorgetragen wurden. Sie fanden gerade aufgrund der Erfahrungen des letzten Jahrzehnts ihren Nachhall in Nordschleswig. Zwar war die Selbständigkeit Schleswig-Holsteins von Bismarck nicht vorgesehen, dennoch erfreute sich der augustenburgische Herzog Friedrich (VIII.) gerade auch bei den deutschen Nordschleswigern einer großen Anhängerschaft, stand er ihnen doch näher als das ferne Preußen. Allerdings, so betont Schultz Hansen wussten sowohl Christian August als auch Friedrich von Augustenburg sich einer finanziell gut geschmierten Propagandamaschinerie zu bedienen.
Mit der Inkorporation in Preußen 1867 war aber auch diese Episode des augustenburgischen Herrschaftsanspruchs beendet und die Schleswig-Holsteiner, mit ihnen die heimdeutsche Bevölkerung Nordschleswigs, musste sich auf eine Zukunft als Bürger der preußischen Provinz Schleswig-Holstein einstellen. Gegen eine Teilung Schleswigs wie sie kurzzeitig im Gespräch war und gegen die im Prager Frieden festgelegte Formulierung in Art. 5 hatte sich die Heimdeutschen zusammen mit den „up ewig ungedeelten“-Schleswig-Holteinern zwar gewehrt, allerdings zeigten die Wahlergebnisse der Wahlen zum Norddeutschen Bundestag auch, dass die heimdeutsche Bevölkerung in Nordschleswig eine Minderheit neben einer dänischen Mehrheitsbevölkerung darstellte. Die Zentren des Heimdeutschtums lagen bei Tondern, um Lügumkloster, in der Gegend um Tingleff und den Städten Hadersleben, Apenrade und Sonderburg, aber zugleich musste heimdeutsches Bewusstsein in Nordschleswig auch viele Leerstellen verzeichnen.
In der Methode gründlich, in der Darstellung ausgewogen und in der Sprache klar, so könnte man diese große Arbeit Hans Schultz Hansens kurz beschreiben. Es beeindruckt zunächst die klare Einordnung in die grundlegenden Theorien zu nationalen Bewegungen allgemein, die bald danach durch eine Fülle von detailgenauen Quellenanalysen für Nordschleswig „auf den Punkt“ gebracht werden. Es handelt sich bei dieser Darstellung um ein Standardwerk zur Geschichte der Schleswig-Holsteinischen Bewegung für die drei Jahrzehnte um die Jahre 1848 – 1850 sowie um ein Standardwerk für den Ursprung des schleswig-holsteinisch-deutschen Bewusstseins und damit der deutschen Minderheit in Nordschleswig. Am 18. November 2005 habilitierte Hans Schultz Hansen sich mit diesem großen Werk an der Syddansk Universitet in Odense zum Dr. phil. Frank Lubowitz
Günter Weitling: Fra Ansgar til Kaftan. Sydslesvig i dansk kirkehistorie 800-1920. Studienabteilung an der dänischen Zentralbibliothek Nr. 51, Flensburg 2005. 440 S., zahlr. Abb.; 248 Kronen/33 Euro. Günter Weitling hat mehr geschrieben als der Titel ausdrückt: Natürlich kann der südliche Teil Schleswigs in dem langen Verlauf vom Frühen Mittelalter bis 1920 nicht isoliert dargestellt werden. Schließlich beginnt die Geschichte des Bistums Schleswig nach der Mission Ansgars als die eines Missionsbistums, das mit der Errichtung des Erzbistums Lund 1104 in die dänische Kirchenprovinz eingegliedert wurde. Weitling stellt somit das ganze Schleswig zunächst in seinem gesamten Umfang vor. Der Gesichtskreis weitet sich zudem, da das schleswiger Bistum in späteren Jahrhunderten Einflüssen von Süden und von Norden ausgesetzt war, die seine Sonderstellung in der dänischen Kirchengeschichte, die der Titel ja betont, ausmacht. Das also ist die ganze Breite, die Weitling zugleich in der historischen Dimension von mehr als einem Jahrtausend beschreibt. Er gewichtet dabei die vorreformatorische Zeit, die Epoche von der lutherischen Orthodoxie über den Pietismus bis zur Aufklärung und als drittes die die Kirche in der Zeit nationale Ideen annähernd gleichwertig. Kurz geht Weitling auf die Vorgänger Ansgars und damit auf die Frage einer irokeltischen bzw. angelsächsichen Mission durch Willibrord, den „Apostel der Friesen“ ein, um dann die Mission Ansgars ausführlich zu würdigen. Ansgar begleitete im Auftrag Ludwigs des Fromme Harald Klak, der 826 die Taufe angenommen hatte. Er war Harald als Kaplan beigegeben, nahm sich aber drüber hinaus der Verkündigung des Christentums in dessen Herrschaftsbereich an und trägt deshalb die Bezeichnung „Apostel der Dänen“.
Die Entwicklung Schleswigs im Späten Mittelalter unter den Herzögen des Abelgeschlechts blieb nicht ohne Folgen für die Entwicklung des Bistums. Während im Hohen Mittelalter bereits die Forderung aufgekommen war, in Dänemark nur Priester einzusetzen, die mit ihrer Gemeinde auch dänisch sprechen konnten, wurde dieses Prinzip im Bistum Schleswig durchbrochen. Unbestritten war natürlich Latein die Kirchensprache, aber die politische Entwicklung Schleswigs unter Abel und seinen Nachfolgern und die Bemühungen, die Verbindung zum Königreich zu lockern, die einen zunehmenden Einfluss des holsteinischen Adels, stärkten den Einfluss des Niederdeutschen als Sprache der Oberschicht und der Verwaltung. Uns so war denn Johannes von Buchwaldt 1308 der erste Bischof aus einem holsteinischen Adelsgeschlecht, dem bis zur Reformation weitere folgen sollten.
Weitling stellt für das Mittelalter die Bezüge von Herrschaft und Kirche eingehend dar, darüber hinaus gelingt es ihm aber auch den mittelalterlichten Kultus, Messe, Heiligen- und Reliquienverehrung sowie die katholische Kirchenorganisation, aber auch die Formen mittelalterlicher Volksfrömmigkeit anschaulich darzustellen, was fast 500 Jahre nach der Reformation in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft sicherlich notwendig ist.
Für die kirchliche Sonderentwicklung wurde dann vor allem die Reformation verantwortlich. Die Schleswig-Holsteinische Kirchenordnung von 1542 schuf eine vom Königreich unabhängige Kirche in den Herzogtümern Schleswig und Holstein, die seit dem ausgehenden Mittelalter immer enger miteinander verbunden worden waren. Diese aus Wittenberg inspirierte Kirchenordnung war auf deutsch verfasst, wie auch als Kirchensprache in Südschleswig deutsch – zunächst Niederdeutsch - eingeführt wurde. Das bietet Weitling die Gelegenheit, ausführlich die Frage der „Verdeutschung“ durch die Reformation bzw. die Festigung des Deutschen in Südschleswig bereits im Laufe des Jahrhunderts vor der Reformation zu diskutieren (S. 128ff.).
Ebenso wie die katholische Kirchenorganisation dem heutigen Leser verständlich gemacht wurde, geht Weitling danach auf die kirchliche Verwaltung und Aufsicht über den Glauben in der Zeit nach der Reformation ein, in der ja die 1542 geschaffene Landeskirche durch die Teilung in den königlichen und den gottorfischen Anteil zu unterschiedlichen Strukturen führte.
Die Verteidigung der lutherischen Lehre gegen katholische vor allem aber auch gegen widerstreitende protestantische Glaubensrichtungen und die geistlichen Entwicklungen des 18. Jahrhunderts, der Pietismus und die Aufklärung werden ausführlich dargestellt.
Die Frage der Kirchen- und Schulsprache sollte dann zu einem der wesentliche Konfliktpunkte in der nationalen Auseinandersetzung des 19. Jahrhunderts werden. Die Unterrichtssprache folgte der Kirchensprache, so dass in den ländlichen Gebieten Südschleswigs das Deutsche weiter gestärkt wurde. Als nach 1848/50 wechselweise dänisch- und deutschsprachigen Gottesdiensten in Mittelschleswig eingeführt wurden, kam es zu harten Protesten: Nach 1864 erfolgte die Entwicklung demzufolge in die andere Richtung: die dänischsprachigen Gottesdienste wurden reduziert und bis 1911 ganz eingestellt.
Gemeindeweise folgt Weitling dieser Entwicklung in Mittelschleswig, die 1872 in Karlum begann, über Süderlügum (1882), Uberg (1889), Ladelund (1896), Medelby (1901) nach Brarup (1911) führte (S. 352 ff.).
Vor allem war aber die Einsetzung neuer Pastoren und die Einführung der Synodalverfassung Zeichen der neuen preußischen Verwaltung. Aber war es nun der gern zitierte Druck von deutscher Seite, der das Dänische nach 1867 in Südschleswig deutlich schwächte oder gab es vielmehr ein ganzes Bündel von Ursachen. Auch dies diskutiert Weitling ausführlich und stellt fest, dass das Umfeld für die Erhaltung eines dänischen geistlichen Lebens in Mittelschleswig nur sehr schwach ausgebildet war und sich dänische Kulturinitiativen allgemein nur auf Flensburg und sein unmittelbares Umfeld beschränkten, so dass es nicht allein die preußischen „Germanisierungsbestrebungen“ waren, die den dänischen Gottesdienst in Mittelschleswig aussterben ließen.
Das änderte sich dann nach 1920 und der Grenzziehung entlang einer Grenze, die im wesentlichen ihren Ursprung den in diesem Buch beschriebenen kirchlichen Verhältnissen und Entwicklungen vom Mittelalter bis ins frühe 20. Jahrhundert verdankt.
Gründlich und quellenorientiert hat Günter Weitling die umfangreiche kirchengeschichtliche Literatur, zu der er selbst in den letzten Jahrzehnten ein gutes Dutzend Beiträge geliefert hat, ausgewertet. Er versteht es Zusammenhänge und große Linien in klarer Sprache verständlich zu machen, aber auch die handelnden Personen der einzelnen Epochen in ihrem zeitgebundenen Verständnis darzustellen und darüber hinaus auf Details am Rande hinzuweisen. Damit und mit der zu Beginn erwähnten über Südschleswig hinausgehenden breiten Anlage der Arbeit, liegt ein „großer Wurf“ zur Kirchengeschichte vor.
Allerdings eines noch zum Schluss: Unabhängig von der Sprachenfrage in Kirche und Schule, die die Schleswigsche Kirchen über lange Strecken beschäftigt hat, sei die kritische Anmerkung angebracht, nämlich die, dass man in diesem Buch leider vergeblich eine deutsche Zusammenfassung sucht. Das ist umso bedauerlicher, da doch inzwischen die Veröffentlichungen der Studienabteilung der dänischen Centralbibliotek und auch die von Historisk Samfund for Sønderjylland häufiger deutsche Zusammenfassungen enthalten, gerade dieser historisch wie und theologisch gründliche und exakte Band hätte es verdient, sich der deutschen Leserschaft zumindest in einem Abstract zu erschließen. Frank Lubowitz
Martin Becker u.a., Kulturlandschaft Flensburger Förde – Kulturlandskab Flensborg Fjord. Hrsg, vom SHHB, Heimatverein der Landschaft Angeln, Museum Sønderjylland. Neumünster: Wachholtz-Verlag 2006. 248 S., über 500 Abb. € 19,50. Die erfreuliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte setzt sich fort: An der deutsch-dänischen Grenze wird nicht mehr auf das Trennende geschaut, sondern das Verbindende in den Mittelpunkt gerückt. Der vierte Band einer vom Schleswig-Holsteinischen Heimatbund herausgegebenen und im Wachholtz-Verlag erscheinenden Reihe, die Kulturlandschaften in Schleswig-Holstein vorstellt, ist zweisprachig erschienen und hat die Flensburger Förde mit den angrenzenden Gemeinden von Fröslee im Westen bis Fünshaff im Osten, von Ballebro im Norden bis Großsolt im Süden im Blick.
Der Autor Martin Becker, der bereits die vorangegangenen Bände, ein Lexikon der schleswig-holsteinischen Kulturlandschaften, und gemeinsam mit Gerd Kaster die Bände über die Kulturlandschaften Nord-Ostsee-Kanal und Eider-Treene-Sorge herausgegeben hat, wird diesmal neben dem Denkmalpfleger Kaster ergänzt durch den Sonderburger Museumsleiter Peter Dragsbo und den ehemaligen schleswig-holsteinischen Naturschutzbeauftragen Willfried Janßen. Als Herausgeber dieses Bandes beteiligen sich neben dem SHHB der Heimatverein der Landschaft Angeln und das Museum Sønderjylland an dieser Veröffentlichung, die eine große Zahl von Sponsoren gefunden haben.
In der Buchankündigung schreibt der Verlag euphorisch, dass die Vielseitigkeit der Kultur, die vom Neben- und Miteinander Dänemarks und Deutschlands geprägt ist, diese Landschaft zu einem der schönsten Gebiete Nordeuropas macht – und die Autoren treten den Beweis für diese Aussage an. Auf Deutsch und Dänisch begeben sie sich auf die Suche nach den Spuren, die auf eine Jahrhunderte währende gemeinsame historisch-kulturelle, wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Fördelandschaft verweisen. Sie arbeiten sich dabei vom Nordosten, von der Halbinsel Kekenis über Sonderburg und Düppel zu den Binnendünen von Bau und zum Fröslee-Lager vor, um – bildlich gesprochen – dem Krummen Weg nach Harrislee und Flensburg zu folgen. Vor dort aus geht es über Glücksburg, dann der Nordstraße folgend bis Gelting und Kronsgaard und im östlichen Angeln über Tastrup, Freienwill bis Großsolt.
Der Beschreibung der einzelnen Orte sind eine Beschreibung der Kulturlandschaft und der sie prägenden Elemente – Geographie, Geologie, Siedlungsformen, Baustoffe, Infrastruktur und Kulturelemente –, ein Überblick über die nationalen Verhältnisse an der deutsch-dänischen Grenze vom Mittelalter bis in die Gegenwart und ein Beitrag über vielfältigen Naturräume, die unter Natur- bzw. Landschaftsschutz stehen, z.B. das Fröslee-Jardelunder Moor, das Stiftungsland Winderatter See und die Geltinger Birk, vorangestellt. Gerade hier werden die Zusammenhänge deutlich, die eine Kulturlandschaft ausmachen, wenn etwa die auf den Bildern sichtbare Ziegelbauweise seit dem Mittelalter in Zusammenhang mit den Ziegeleien an der Flensburger Förde und diese wieder mit ihrer künstlerischen Darstellung durch Chr. Wilhelm Eckersberg oder Alex Eckener gebracht wird.
Unter 53 Orts- bzw. Kirchspielsnamen, deren Lage jeweils auf einer kleinen Karte angezeigt wird, werden Gebäude, Hofanlagen, Gärten, Natur- und Bodendenkmale nicht nur aufgelistet, sondern kenntnisreich und geradezu liebevoll beschrieben. Zu entdecken gibt es dabei selbst für den, der glaubt, sich auszukennen, eine Menge, denn allein schon der Blick auf die drei doppelseitigen Karten zeigt die Dichte der kulturhistorischen und naturkundlichen Sehenswürdigkeiten: Sei es der Pfarrhof von Asserballe mit seiner sehenswerten Scheune von 1637, ein Hohlweg mit alten Buchen im Krusauer Tunneltal, die ehemaligen Bahnhofsgebäude der Flensburger Kreisbahn, die von 1886 bis 1953 Angeln verkehrsmäßig erschloss oder der Bismarck-Gedenkstein unter einer Gedenkeiche an einer Weggabelung mitten im Wald von Husbyries. Und auch die beiden Städte in dieser Region, Sonderburg und Flensburg werden ausführlich beschrieben.
Über 500 farbige Abbildungen dokumentieren die Schönheit der Landschaft um die Flensburger Förde. Bei der Seitenzahl heißt das, dass in der Regel zwei bis drei Bilder pro Seite zum Lesen animieren. Die Kehrseite des Bilderreichtums dieses Buches ist, dass die Hälfte der Bilder nur einem sehr kleinen Format wiedergegeben sind. Gerade wenn man die größerformatigen Abbildungen auf den S. 16 – 67 sieht, wünschte man sich auf den folgenden Seiten größere Bilder – einige der Fotos haben nur ungefähr doppeltes Briefmarkenformat. Das ist schade um die hervorragenden Bilder! Aber die Bilder anzuschauen und die Texte zu lesen ist ja nur das eine, vielmehr regt das Buch dazu an, sich in die Natur zu begeben und bei Ausflügen, Radtouren oder Wanderungen sich selbst ein Bild vom Reichtum der Kulturlandschaft rund um die Flensburger Förde zu machen. Frank Lubowitz
Sønderjyderne og Den store Krig 1914 – 1918. Udg. af Museum Sønderjylland og Historisk Samfund for Sønderjylland ved Inge Adriansen og Hans Schultz Hansen. Aabenraa 2006 (Skrifter udgivet af Historisk Samfund for Sønderjylland Nr. 96) 373 S., teil farb. Der Erste Weltkrieg hat für die dänischgesinnte Bevölkerungsmehrheit in Nordschleswig eine besondere Bedeutung. Nicht nur, weil dieser Krieg und sein Ende der Ausgangspunkt für die Volksabstimmung in Nordschleswig 1920 und damit für die von ihr erhoffte Eingliederung nach Dänemark war, sondern weil mehr als 5000 Männer aus Nordschleswig in diesem Krieg ihr Leben verloren haben – in einem Krieg, der für die dänischen Nordschleswiger „nicht der ihre“ war.
Dieser im kollektiven Gedächtnis lebendige Krieg, dessen Erinnerung durch zahlreiche Gedenktafeln und –steine in Nordschleswig und auch in Dänemark aufrechterhalten wird, ist Thema der neuesten, gemeinsamen Veröffentlichung von Historisk Samfund for Sønderjylland und dem Museum Sønderjylland.
Auf mehr als 350 Seiten beleuchten die neun Autoren in 15 Aufsätzen die Situation bei Kriegsausbruch, an der Heimatfront, in der Kriegsgefangenschaft bis hin zur Versorgung von Kriegsinvaliden und zur Gründung von DSK – Forening af dansksindede Sønderjyder.
Einen Überblick über die Kriegsursachen, den Verlauf und Auswirkungen liefert Jørn Buch auf den ersten vierzig Seiten des Buches. In diesem Artikel sind am umfangreichsten die sogenannten „faktabokse“ – knappe Übersichten und Zusammenfassungen z.B. über die Feldzüge und Schlachten des Krieges oder die Bedeutung des technischen Geräts, von den Infanteriewaffen bis zu U-Booten, eingebunden. Im weiteren Verlauf wechseln sich diese Datenübersichten in kürzerer Form mit Zitaten aus Tagebüchern, Kriegsbriefen und –erinnerungen in den so genannten „Citatbokse“ ab.
René Rasmussen stellt in seinem Aufsatz über die Stimmung in Nordschleswig bei Kriegsausbruch die Fotografie eines ernst in die Kamera blickenden Ehepaares der Propagandapostkarte eines heroischen Abschieds und der Erwartung einer strahlenden Heimkehr gegenüber. Nicht alleine, dass sich eine Kriegsbegeisterung in der dänischgesinnten Bevölkerung nicht verbreitete, es erfolgten umgehend auch Einschränkungen in Form von Pressezensur, Aufhebung der Versammlungsfreiheit und von Internierungen dänischgesinnter Honoratioren – allerdings, wie Rasmussen in seinem Aufsatz über die Internierungen schreibt, mit unterschiedlicher Intensität.
Im Kreis Tondern ließ der als „Dänenfresser“ bekannte Landrat Emilio Böhme 54 „politisch Unzuverlässige“ und dazu 20 Leute mit guten nautischen Kenntnissen bei gleichzeitiger politischer Unzuverlässigkeit verhaften. Im Kreis Sonderburg wurden die meisten Internierungen vorgenommen, sie waren aber abhängig von der Amtsführung der jeweiligen Amtsvorsteher: In Südalsen ging man recht energisch vor und verhaftete 63 angebliche dänischgesinnte Staatsfeinde, während der Amtsvorsteher von Ulkebüll nur einen Dänischgesinnten verhaften ließ, mit dem er noch dazu befreundet war – er kommentierte diese einzige Verhaftung in seinem Amtsbezirk seinem dänischgesinnten Freund gegenüber mit den Worten: „Ich muß ja nun mal ein Exempel statuieren, und da habe ich Dich ausgewählt, damit Du dich nicht vernachlässigt fühlst.“
Die militärische Ausbildung und den Kriegalltag an der Front, das Schaufeln der Schützengräben, die trostlosen Stunden einer langen Wache auf Beobachtungposten bis zu dem täglichen Kampf gegen die Kopfläuse, aber auch den Sturmangriff mit Gasmaske im Giftgasnebel, schildert Martin Bo Nørregård nicht zuletzt anhand der großen Zahl von Soldatenbriefen und Tagebüchern, die sich in den nordschleswigschen Archiven befinden. Er kann aber auch feststellen, dass die nordschleswigschen Soldaten an der Front verhältnismäßig gut dastanden, hatten doch die meisten von ihnen einen landwirtschaftlichen familiären Hintergrund, aus dem ein Strom von Lebensmittelpaketen an die Front floß.
Auch wenn, wie schon vorher von Rasmussen festgestellt, eine Kriegsbegeisterung in den dänischen Kreisen kaum ausgeprägt war, stellt Svend Falkner Sørensen seinem Artikel über Pflicht oder Fahnenflucht den interessanten Befund voran, dass es bei Kriegsausbruch keine Fluchtbewegung nach Dänemark gab, man rechnete also auch hier mit einem kurzen Krieg und einer schnellen Heimkehr. Erst später wählten ca. 2500 junge Nordschleswiger den Weg der Flucht nach Norden.
Den Alltag an der Heimatfront, vor allem die Mühsal der Frauen und Kinder, beschreibt Inge Adriansen. Sie mussten vor allem auf dem Land die Arbeiten übernehmen, die sonst die Männer verrichteten. Allerdings, und das beschreibt ebenfalls Inge Adriansen in einem weiteren Aufsatz, waren ihnen teilweise Kriegsgefangene als Arbeitskräfte zugeteilt. Diese Gefangenen waren jedoch zumeist aufgrund von Nahrungsmangel in einem schrecklichen körperlichen Zustand. Die Distanz zu den Kriegsgefangenen war zwar vorgeschrieben, ihre Behandlung bei den Arbeitgebern hing aber weitgehend von deren Einstellung ab. Die gegenteilige Erfahrung, nämlich die Kriegsgefangenschaft von Nordschleswigern in Lagern in Frankreich, England und Russland beschreibt René Rasmussen.
Gemeinsam haben Hans Schultz Hansen, Inger Lauridsen und Inge Adriansen die militärischen Anlagen, die in Nordschleswig errichtet worden sind, vor allem die Sicherungsstellung Nord und die großen Zeppelinanlagen bei Tondern aufgelistet und beschrieben.
Bevor Axel Johnsen auf das Kriegsende und die Novemberrevolution, die sich in den Kreisen Nordschleswigs unterschiedlich auswirkte, beschreibt, weist Hans Schulz Hansen in einem kurzen Beitrag darauf hin, dass die Nordschleswig-Frage nicht erst durch Präsident Wilsons Friedensbedingungen und die Versailler Verträge akut wurden, sondern trotz der Einschränkungen seit Kriegsbeginn virulent geblieben waren.
Schließlich widmen sich, diesen interessanten und lesenswerten Band beschließend, drei Aufsätze den Nachwirkungen des Ersten Weltkrieges. Birgitte Vestergaard Futtrup behandelt die Frage der Versorgung der Kriegsinvaliden mit Renten, medizinischen Hilfsmitteln und Berufseingliederungen sowie der Versorgung von Witwen und Waisen durch den dänischen Staat nach 1920. Hans Schultz Hansen folgt der Geschichte des 1937 gründeten Vereins der dänischgesinnten nordschleswigschen Kriegsteilnehmer des ersten Weltkrieges: DSK – Foreningen af Dansksindede Sønderjyske Krigsdeltagere 1914-18 bis zu seiner Auflösung 1989. Und Inge Adriansen stellt nicht nur die Denkmale zur Erinnerung an den gefallenen Nordschleswiger des Ersten Weltkrieg in Dänemark vor, sie geht auch den Diskussionen nach, die im Zusammenhang mit der Errichtung von Denkmalen geführt worden sind. Frank Lubowitz
Sønderborg i 750 år – tværsnit og perspektiver. Udg. af Museet på Sønderborg Slot & Historisk Samfund for Sønderjylland. Sonderburg 2006. 312 S., zahlr. Ill. Inge Adriansen und Peter Dragsbo vom Sonderburger Museum zeichnen verantwortlich für diese 750-Jahres-Festschrift von besonderer Qualität. Keine Stadtgeschichte wie sie früher üblich waren, die kiloschwer, seitenlang und möglichst mehrbändig jeden Winkel der Stadtgeschickte ausleuchtet – für Sonderburg liegt ein solches Werk in der 1960-66 erschienenen Sonderburger Stadtgeschichte in der Redaktion von Holger Hjelholt vor –, sondern ein Querschnitt, der in knapper und frischer Sprache geschrieben und reich bebildert ist und sich auch neuen Blickwinkeln öffnete, der trotz seiner Hinwendung zu einem möglichst großen Publikum die Wissenschaft nicht zu kurz kommen läßt, wofür die annähernd 600 Anmerkungen, das umfangreiche, 11 Seiten umfassende Literaturverzeichnis sowie das ausführliche Register, das u.a. die Straßennahmen sowohl in der deutschen als auch in dänischen Sprache nennt, ein deutliches Zeichen setzten.
Am Anfang steht ein chronologisches Kapitel von Lennart S. Madsen, das Sonderburgs Entwicklung von den geologischen Voraussetzungen über die Anfänge von Siedlung und Burg bis zur Reformation darstellt. Gerade für diese Zeit haben Ausgrabungen der vergangenen Jahrzehnte das Wissen um die mittelalterliche Stadtgeschichte wesentlich erweitert. Die Baugeschichte der Burg datiert Madsen in die Zeit Knuds VI. und Waldemars II.; auf jeden Fall nach 1192, vermutlich sogar erst zwischen 1226 und 1231.Die erste schriftliche Erwähnung und damit den Ausgangspunkt für das 750jährige Jubiläum liefert eine Urkunde vom 15. Juli 1256. Die Hafensiedlung ist bereits vor 1200 und damit vor dem Bau der Burg denkbar, denn – so führt Lennart Madsen aus – ein Vergleich mit der Stadtentwicklung in Dänemark allgemein zeigt, dass es keinen unmittelbaren Grund gibt, die Burg als eine Voraussetzung für die Handelssiedlung zu sehen.
Für die frühe Stadtgeschichte gibt es nur wenige schriftliche Quellen, die Kenntnisse, die Madsen vorträgt, beruhen dann auch vor allem auf den Ergebnissen der Archäologie aus jüngster Zeit und aus Vergleichen mit anderen dänischen Städten. Für das Mittelalter fasst Madsen zusammen, dass die begrenzte Bedeutung Sonderburgs im Mittelalter sich u.a. daran zeigt, dass weder Franziskaner noch Dominikaner ein Kloster errichteten. Für die begrenzte Bedeutung spricht auch, daß die Obrigkeit für lange Zeit beim Burgvogt lag; erst um 1423 erhielt Sonderburg das Stadtrecht, dem dann die Einrichtung eines Rates und das Bürgermeisteramt folgten.
Auf das Mittelalterkapitel folgen die vier großen Aufsätze, die den Querschnitte durch die Stadtgeschichte bilden. Auf vierzig Seiten entwickelt Peter Dragsbo den Stadtplan und die Baugeschichte Sonderburgs. Anhand von Zeichnungen und Fotografien aus dem Bestand des Sonderburger Schlosses kann Dragsbo auf die ältesten Bauten, Fachwerkgiebelhäuser, Bezug nehmen, die z.T. der Beschießung der Stadt 1864 und z.T. späterem Abriß zum Opfer gefallen sind.
Nach der Eingliederung in Preußen ließ ein baulicher Aufschwung zunächst auf sich warten, da eine wirtschaftliche Stagnation eintrat, bis um 1900 sowohl ein Wirtschaftswachstum – und durch die Errichtung der Marinestation – umfassende bauliche Aktivitäten begannen. Aus dem Jahr 1904 stammt der Bebauungsplan, nach dem der Ausbau der Stadt mit modernen Etagenhäusern im Jugendstil und Villenvierteln erfolgen sollte. Auch im Baustil – so stellte Peter Dragsbo fest, wurde nach 1920 ein Wechsel vollzogen, weg von den der deutschen Tradition verpflichteten Jugendstil, der Heimatschutzarchitektur oder einer expressionistischen Richtung, hin zu einen neuklassizistischem dänischen Stil. Bis hin zu den neuen architektonisch herausragenden Gebäuden des „Alsion“-Komplexes am Alsensund, die derzeit von der Syddansk Universitet bezogen werden, folgt Peter Dragsbo der baulichen Entwicklung Sonderburgs bis in die Gegenwart.
Kim Furdal beschreibt in seinem Beitrag die sozialgeschichtliche Entwicklung Sonderburgs von 1500 bis in die Gegenwart. Zunächst führt Furdal die Bedingungen des Handels in der Frühen Neuzeit aus – sowohl den Handel mit den Produkten des eigenen Hinterlandes als auch die Fernhandelsaktivitäten, um dann näher auf die führenden Kaufmannsfamilien – aber auch auf den gesamten Haushalt eines Kaufmanns und dessen sozialer Funktion – einzugehen. Von diesen getrennt führten Schiffer, Handwerker und Fischer ihre eigene Existenz unter unterschiedlichen sozialen Bedingungen und Ansehen und über Jahrhunderte mit völlig verschiedener Teilhabe am Stadtregiment.
Vom Marktort zum Servicecenter überschreibt Jesper Thomassen seinen Beitrag, in dem er ausführt, dass sich bereits bis ca. 1900 die Funktion der Städte für das Umland zu verändern begonnen hatten: Sie wurden Verkehrknotenpunkte, Verwaltungszentralen, und Banken, Krankenhäuser, Zeitungen, Theater u.v.a. markierten ihre neue Rolle. In seinen Ausführungen zur Entwicklung von Regional- und Fernhandel im 18. und 19. Jahrhundert sowie bei der Darstellung der politischen Veränderungen im 19. und 20. Jahrhundert kommt es notgedrungen teilweise zu Überschneidungen mit dem vorangehenden und dem folgenden Kapitel, das wird aber aufgehoben durch ein Schlußkapitel, in dem Thomassen die Strukturveränderungen der letzten 85 Jahre anhand von Tabellen, Karten und Modellen erläutert.
Schließlich ist der umfangreichste Aufsatz Sonderburg als einer Stadt im Grenzland zwischen dänisch und deutsch gewidmet. Inge Adriansen beschreibt in der ihr eigenen souveränen Art zunächst die sprachlichen Einflüsse, die in Nordschleswig und damit auch in Sonderburg zunächst lediglich vorhanden waren und die erst im Zusammenhang mit nationalen Ideen nationalpolitische Bedeutung erlangen sollten. Doch sollte der Konflikt um Sprache und Nationalität im 19. Jahrhundert eskalieren, wobei Sonderburg zweimal im unmittelbaren Hinterland des Schlachtfeldes von Düppel lag. Insbesondere im Zweiten Schleswigschen Krieg erlitt es dabei große Verluste.
Mehr als 50 Jahre war Sonderburg danach preußisch. An einer Reihe von Beispielen zeigt Inge Adriansen wie die Trennungslinie zwischen deutsch und dänisch oftmals quer durch die Familien ging und dass es durchaus eine größere Gruppe gab, die sich durch Wahlverweigerung weder dänisch noch deutsch vereinnahmen lassen wollten.
In der Volksabstimmung von 1920 votierten in Sonderburg 57% für Deutschland und 43% für Dänemark. Ausführlich widmet sich Inge Adriansen der Frage, welche Bedeutung die Sozialdemokratie für die Eingliederung der Arbeiterschaft in die dänische Gesellschaft hatte, und sie zeigt die Bedeutung der deutschen Pastoren in den Stadtgemeinden Nordschleswigs in der Zeit der Nazifizierung der Volksgruppe und der deutschen Besetzung auf.
Bis in die Gegenwart schlägt Inge Adriansen den Bogen. Nach Rückgang und Stagnation der deutschen Minderheit kann sie den Rektor der deutschen Schule zitieren, der seit den 1990er Jahren die Rückkehr einiger Gruppe zu den deutschen Angeboten aber auch den Zuzug deutscher Arbeitnehmer nach Alsen und Sonderburg feststellen kann, die die Angebote der Minderheit nutzen.
Zehn thematische Einschübe behandeln kurz und übergreifend etwa die Entwicklung des Sonderburger Schlosses und des Rathauses von der Zeit Christians III. bis in die Gegenwart, die Geschichte des Dampfschiffsverkehrs oder nennen die deutschen und dänischen Ehrenbürger Sonderburgs.
Insgesamt stellt dieses Buch eine in Konzeption, Inhalt und vor allem auch in der Gestaltung gelungene Stadtgeschichte dar, die die Entwicklung Sonderburgs für ein breites Publikum anschaulich darstellt und sicher heutigen Lesegewohnheiten näher kommt, als Stadtgeschichten in herkömmlicher Art. Frank Lubowitz
Lars N. Henningsen, Sydslesvig-ungdom på danske efterskoler – før og nu. Flensborg 2007 (Arkivserien nr.13 udgivet af Studieafdelingen ved Dansk Centralbibliotek for Syslesvig) Tausende junger Südschleswiger sind durch den Besuch dänischer Nachschulen und Volkshochschulen geprägt worden. Die vorliegende jüngste Veröffentlichung der Studienabteilung der dänischen Zentralbibliothek berichtet von der Bedeutung dieser Bildungsangebote für die dänische Bevölkerung von 1850 bis in die Gegenwart.
Die Berührungspunkte der dänischen Volkshochschularbeit zum 1905 gegründeten deutschen Volkshochschulverein für Nordschleswig werden auf S. 34 sichtbar, auf der ein Briefkopf der Nachschule im Norburger Schloß von 1936 abgebildet ist. Diese Nachschule hatte von 1911 bis 1920 als deutsche Volkshochschule bestanden. Die Gründung des Volkshochschulvereins und der Tingleffer Volkshochschule steht insgesamt in einem engen Zusammenhang zur erfolgreichen und national prägenden dänischen Bildungsarbeit der dänischen Nachschulen während der preußischen Zeit.
Der früheste Bericht über einen Volkshochschulaufenthalt in Rödding stammt von einem Angeliter Bauern, der in den Jahrzehnten des Sprachwechsels von Dänisch zu Niederdeutsch und Hochdeutsch aufgewachsen war und die Volkshochschule 1856 bis 1857 besucht hat. Schon bei ihm lässt sich feststellen, dass diese Verbindung zum Dänischen lebenslang andauerte.
In preußischer Zeit und insbesondere nachdem der dänischen Sprachanteil in den Schulen Nordschleswigs immer mehr zurückgedrängt worden war, gelangten die zum Teil neugegründeten Nachschulen nördlich der Königsau zu ihrer ersten großen Bedeutung. Sie wurden vor allem von jungen Leuten aus Nordschleswig besucht, denn südlich der späteren Grenzen von 1920 gab es zu dieser Zeit außerhalb Flensburgs und seiner unmittelbaren westlichen Umgebung kein ausgeprägtes dänisches Bewusstsein.
Ein solches Bewußtsein und die fortdauernde sprachliche und kulturelle Verbindung nach Dänemark sollte nach 1920 in den Kreisen derjenigen Südschleswiger gefördert werden, die in Volksabstimmung dänisch votiert hatten. Dementsprechend wurden nunmehr Nachschulen in der unmittelbaren Nähe der neuen Grenze eingerichtet, als erste die in Rens 1921. Zu dieser Zeit galt die Nachschulbildung nicht alleine mehr dem Erhalt und der Festigung der dänischen Sprache, wie es bei Schülern aus Nordschleswig in preußischer Zeit der Fall gewesen war, vielmehr musste dänisch erst erlernt werden, denn 1923/24 hielt eine Statistik fest, dass von 282 Schülern, die sich um einen Nachschulaufenthalt bewarben, mehr als die Hälfte deutsch als Muttersprache hatten – die soziale Situation mancher Familien nach dem Ersten Weltkrieg und in der Inflationszeit spiegelt sich auch in dieser Zahl.
Die Zahl der gut 2000 Schulaufenthalte in Dänemark zwischen 1919 und 1945 wuchs nach den Zweiten Weltkrieg sprunghaft auf imponierende 786 Schulbesuche allein im Schuljahr 1949/50. Die Gründe für die Hinwendung zum Dänischen in diesen Jahren sind hinlänglich bekannt. Dänisch in Abendkursen in Südschleswig zu lernen, schien nicht ausreichend, es gehörte mehr dazu, sich „das Dänische in Sprache, Geist und Seele“ anzueignen, wie Lars Henningsen schreibt: ein Schulbesuch im richtigen Dänemark. Im Zusammenhang mit den Anträgen für Nach- oder Volkshochschulaufenthalte betont er ebenfalls, dass man sich vor dieselben Probleme gestellt sah, wie in den frühen Zwanziger Jahren: Waren die Anträge wirklich Ausdruck dafür, „den dänischen Weg“ gehen zu wollen oder waren sie durch die wirtschaftlichen Not der Nachkriegszeit motiviert. Danach ging die Zahl der Schulbesuche in Dänemark schnell zurück, 1957 fiel sie auf unter 200 und drei Jahre später auf unter 100 und selbst dieser Zahl näherte man sich in den folgenden Jahren nur noch selten.
Dieser Rückgang führte dazu, dass anstelle eines Aufenthaltes in Dänemark eher nach einer Nachschulausbildung im dänischen Sinn, aber in Deutschland gesucht wurde, auch um den deutschen Ausbildungs- und Arbeitsmarktbedingungen näher sein zu können. Das Ergebnis war die Errichtung der 1982 eröffneten Jugendschule in Ladelund. Die Zahl der Schüler in Ladelund war bis 2002 relativ stabil, erst seit dieser Zeit ist ein deutlicher Abschwung zu registrieren.
Es liegt im Wesentlichen an unterschiedlichen Bildungsvorstellungen und an den verschiedenen Arbeitsmarktanforderungen in Deutschland und Dänemark, dass der Nachschulbesuch von jungen Menschen aus der dänischen Minderheit zurückgegangen ist: heutzutage besuchen nur noch 5% eines Jahrgangs von jungen Südschleswigern eine dänische Nachschule – im Gegensatz zu 40% der Jugendlichen in Dänemark. Das Buch stellt abschließend die Frage, wie ein Interesse an den Nach- und Jugendschulen neu belebt werden kann, denn wie sehr in diesen Einrichtungen das Hineinwachsen und die Verbindung der Minderheit zu dänischer Sprache, Kultur und Seele bewirkt haben, dafür stehen die vielen persönlichen Stellungnahmen ehemaliger Schüler aus vielen Generationen. Frank Lubowitz
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