Willkommen bei der deutschen Minderheit in Dänemark

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Die Minderheit aus Sicht von vier Generationen - Projektbeschreibung

Jon Thulstrup, SDU

Verglichen mit Deutschland hat die deutsche Minderheit in Nordschleswig zu einem späten Zeitpunkt angefangen, sich kritisch mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Doch im Laufe der Jahre haben insbesondere Forscher aus Dänemark angefangen, sich mit Themen wie Erinnerungskultur und Identität innerhalb der Minderheit zu beschäftigen. Deshalb soll mein Projekt darauf aufbauen, jedoch auch von der bisherigen Forschung abgrenzen, und die Erinnerung über den Zweiten Weltkrieg als Generationenprojekt darstellen, dass höchstwahrscheinlich im Laufe der Jahre neu definiert wird. Deshalb stellt sich die folgende Frage: Wie verhielten und verhalten sich die vier Generationen zur Besatzungsgeschichte und zur Kriegsteilnahme der Minderheit?

Ganz konkret sollen die Ansichten und Darstellungen von vier Generationen über die Rolle der Minderheit während des zweiten Weltkrieges wie folgt analysiert werden:

  1. Elterngeneration. Das sind die, die ihre Söhne in den Krieg schicken für ein Land, in dem sie nicht mehr leben, zu dem sie aber dennoch ein starkes Zugehörigkeitsgefühl empfinden.
  2. Kriegsgeneration: Die vielen freiwilligen Soldaten der Minderheit
  3. Kinder der Kriegsgeneration: Wachsen in einer Zeit auf, wo die Volksgruppe sich nach und nach in Nordschleswig als Minderheit etablieren kann. Aber auch in einer Zeit, wo die Rolle während des Krieges verschwiegen wird.
  4. Enkelgeneration: Die „jüngeren“ Minderheitenangehörige, wo der Krieg auf einen gewissen zeitlichen Abstand gekommen ist. Dort ist es gang und gäbe, dass man mit der Mehrheitsbevölkerung kooperiert oder gar im selben Fußballverein spielt.

Da der Knivsberg hier auch eine bedeutende Rolle spielt, und das in der Stellungsausschreibung auch ein Wunsch des BDN´s war diesen in das Projekt zu integrieren, wird dieser selbstverständlich auch seine Aufmerksamkeit bekommen. In dem Sinne wird die Projektarbeit mit der Frage, wie die Erinnerungskultur der Minderheit auf dem Knivsberg zur Geltung kommt, ergänzt. Neben Henrik Skov Kristensens Straffelejren, hat die Umbenennung des Ehrenhains in Gedenkstätte die kritische Auseinandersetzung mit der Minderheitengeschichte ins Rollen gebracht. Die Bedeutung des Knivsbergs hat sich womöglich auch in den vier bereits erwähnten Generationen verändert. Von der Elterngeneration, die sich einen stillen Ort zum Gedenken ihrer umgekommenen Familienangehörigen wünschten, bis zur dritten und vierten Generation, die nun einen historischen Lernort bevorzugen.

Das Projekt soll voraussichtlich im Januar 2023 in einer 200 seitigen Monografie enden. Diese soll laut aktuellem Plan in vier grobe Teile mit unterschiedlichen Teilfragen eingeordnet werden.

 Der erste Teil befasst sich mit der Elterngeneration. Wie stand diese Generation zu den heimkehrenden Kriegsfreiwilligen? Wurde um Verluste gesprochen? Gab es Minderheitenangehörige aus dieser Generation, die aufgrund der nationalsozialistischen Vergangenheit der Minderheit den Rücken kehrten?

Im zweiten Teil ist der Fokus auf die Kriegsgeneration gerichtet. Wie verhielt sich diese Gruppe zu ihren Kriegserfahrungen? Wie wurden unterschiedliche Meinungen gehandhabt? Waren Kriegsverbrechen ein Thema?

Der dritte Teil widmet sich der Frage, wie die Minderheit eine kritische Aufarbeitung umgehen konnte, die zu dem Zeitpunkt in Deutschland angekurbelt wurde. Welche Bedeutung bekam die „Auswanderung“ junger Minderheitenangehörige für die Volksgruppe? Verhüllte sich die Kindergeneration in Bezug auf die Kriegszeit in Schweigen? Haben sich einige aus Job- oder Identitätsgründen außerhalb Nordschleswigs niedergelassen?

Im vierten Teil stellt sich die Frage, wo die Impulse für eine kritische Aufarbeitung der Minderheitengeschichte herkamen. Welche Bedeutung wurde dieser Aufarbeitung in der Enkelgeneration zugeschrieben, in den Organisationen und in den Familien?

Die Quellen

Während die Quellen für die ersten beiden Generationen überwiegend in den Archiven bei Frank Lubowitz, Hauke Grella im Deutschen Museum, oder im Reichsarchiv in Apenrade liegen, sind für die letzten beiden Generationen überwiegend Interviews mit Minderheitenangehörigen geplant.

 Insbesondere die erste Generation kann aufgrund der Quellenlage eine gewisse Herausforderung darstellen.

Bislang wurde ausschließlich über Minderheitenangehörige als Quellenlage beschrieben. Eine andere Gruppe der Minderheit könnte gar noch interessanter sein. An diese ranzukommen kann sich jedoch als noch umständlicher erweisen. Dabei dreht es sich um diejenigen, die der Minderheit den Rücken gekehrt haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass Mitglieder aus den ersten beiden Generationen, die aufgrund von Unstimmigkeiten oder Wut die Minderheit eventuell verließen, im Nachhinein ihre Nachlässe an das Archiv in der Volksgruppe überlassen haben, ist äußerst gering.

Auch das sogenannten „Sprachrohr der Minderheit“, der Nordschleswiger, wird als Quelle viel genutzt werden. In der Zeitung wurden viele Artikel und Berichte über Veranstaltungen, Diskussionen, Reden und dergleichen in der Minderheit veröffentlicht, die für dieses Projekt äußerst relevant sein könnten.

Die Minderheit ist nach zögernden Anfängen mit ihrer kritischen Geschichtsaufarbeitung weit gekommen. Das Ziel dieses Projektes ist es, neue Erkenntnisse und Wissen für zukünftige Diskussionen in und außerhalb der Minderheit zu liefern. Dies unter anderen auch, damit die Minderheit in Zukunft weiterhin selbstkritisch, aber auch selbstbewusst zur eigenen Geschichte stehen kann.

Neben dem Projekt hat ein Doktorand zudem eine gewisse Vermittlungs-Verpflichtung. Das heißt, dass Teilnahmen an Konferenzen, Vorträge halten, Unterrichten und dergleichen zum Alltag eines Doktoranden gehören und natürlich wahrgenommen werden.

Jon Thulstrup (1)x(4)